Laut einer neuen Studie kann Luftverschmutzung dazu führen, dass rheumatoide Arthritis aktiver verläuft und die Wahrscheinlichkeit schmerzhafter Schübe steigt. Der stärkste Zusammenhang bestand bei Feinstaub (PM2,5), der in Staub, Ruß und Rauch vorkommt. Die Ergebnisse, die in den Annals of the Rheumatic Diseases (ARD), dem EULAR-Journal von Elsevier, veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass die Luftqualität sowohl für medizinisches Fachpersonal, das rheumatoide Arthritis behandelt, als auch für politische Entscheidungsträger, die sich für den Schutz der öffentlichen Gesundheit einsetzen, ein wichtiger Faktor sein könnte.
Umweltfaktoren bei rheumatoider Arthritis
Die rheumatoide Arthritis, allgemein als RA bekannt, ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die Entzündungen und Schäden an den Gelenken verursacht. Sie kann zudem weitreichende Symptome hervorrufen, die andere Bereiche des Körpers betreffen. Weltweit sind schätzungsweise 0,5 % bis 1 % der Erwachsenen von dieser Erkrankung betroffen. Ihre Entstehung wird durch eine Kombination aus genetischen Faktoren, Veränderungen der Immunfunktion und Umwelteinflüssen beeinflusst. Einige dieser Umwelteinflüsse können nicht nur zur anfänglichen Entstehung der RA beitragen, sondern auch zur Verschlimmerung der Symptome nach der Diagnose der Erkrankung.

Wichtig ist, dass mehrere umweltbedingte Risikofaktoren potenziell veränderbar sind. Rauchen gilt bereits als bedeutender Risikofaktor. Forscher haben zudem die möglichen Auswirkungen von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Quarzstaub und anderen Schadstoffen untersucht. Frühere Bevölkerungsstudien ergaben, dass die Exposition gegenüber verschmutzter Luft mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer RA verbunden war. Forscher in Südkorea wollten herausfinden, ob Luftverschmutzung auch die Krankheitsaktivität beeinflussen und bei Menschen, die bereits an der Erkrankung leiden, Schübe auslösen könnte.
Zudem untersuchten sie die biologischen Prozesse, die einen solchen Zusammenhang erklären könnten. In einem begleitenden Leitartikel kommentiert Dr. med. Jeffrey A. Sparks, MMSc, von der Abteilung für Rheumatologie, Entzündungsforschung und Immunologie am Mass General Brigham / Brigham and Women’s Hospital sowie an der Harvard Medical School: „Dies ist eine der größten Studien, die mit robusten Methoden einen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und der RA-Krankheitsaktivität herstellt.“ Angesichts steigender Luftschadstoffkonzentrationen haben diese Ergebnisse bedeutende klinische, biologische und gesundheitspolitische Auswirkungen. Sie untermauern zudem, dass inhalierte Schadstoffe weitreichende Auswirkungen auf das Risiko und den Verlauf von RA und möglicherweise auch anderer Autoimmunerkrankungen haben können. Aus klinischer Sicht könnte dies Wege aufzeigen, das Risiko von RA-Schüben durch die Vermeidung von Luft mit schlechter Qualität zu senken, und eine mögliche Erklärung für ansonsten unerklärliche RA-Schübe liefern.“
Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Arthritis-Schüben
Die prospektive Kohortenstudie begleitete 1.070 Menschen mit RA an einem großen medizinischen Zentrum in Südkorea. Über einen Zeitraum von vier Jahren (2021–2024) sammelten die Forscher Daten aus 12.583 ambulanten Arztbesuchen, die unter realen klinischen Bedingungen durchgeführt wurden. Um die Exposition jedes Patienten abzuschätzen, untersuchte das Team die monatlichen Konzentrationen von sechs gängigen Luftschadstoffen (Schwefeldioxid, SO2; Stickstoffdioxid, NO2; Ozon, O3; Kohlenmonoxid, CO; Feinstaub mit einem Durchmesser von 10 µm, PM10; und Feinstaub mit einem Durchmesser von 2,5 µm, PM2,5). Diese Messwerte wurden anschließend mit der Krankheitsaktivität und den bei jedem Besuch erfassten Schubereignissen verglichen.
Die Analyse berücksichtigte eine Vielzahl von Faktoren, die die Ergebnisse beeinflussen könnten. Dazu gehörten demografische Daten der Patienten, der serologische Status (das Vorhandensein spezifischer, für RA typischer Antikörper im Blut), die Einnahme von Medikamenten, sozioökonomische Bedingungen sowie wetterbezogene Variablen. Die Forscher führten zudem eine Sensitivitätsanalyse durch, um den Einfluss von Faktoren zu verringern, die über die Zeit hinweg konstant blieben, und um die Möglichkeit einzuschränken, dass die Krankheitsaktivität selbst die in der monatlichen Analyse verwendeten Schadstoffmesswerte beeinflusste. Für diesen Teil der Untersuchung verwendeten sie ein Case-Crossover-Design, das auf den täglichen Schadstoffkonzentrationen vor jedem Termin basierte. Mithilfe einer bedingten logistischen Regression konnten sie Veränderungen bei einzelnen Patienten vergleichen.
PM2,5 erweist sich als stärkster Faktor
„Unsere Studie ergab, dass eine höhere PM2,5-Konzentration mit einer erhöhten Krankheitsaktivität und einem erhöhten Risiko für Schübe assoziiert war, insbesondere bei einer über mehr als zwei Wochen andauernden Exposition gegenüber erhöhten PM2,5-Werten“, erklärte der leitende Forscher Dr. med. Eun Bong Lee, PhD, Abteilung für Rheumatologie, Klinik für Innere Medizin, Medizinische Fakultät der Seoul National University, sowie Abteilung für Molekulare Medizin und Biopharmazeutische Wissenschaften, Graduiertenfakultät für Konvergenzwissenschaften und -technologie, Seoul National University, Seoul, Republik Korea.
PM2,5 erwies sich in der Studie als der Luftschadstoff mit dem stärksten Zusammenhang zu einer erhöhten Krankheitsaktivität der rheumatoiden Arthritis (RA) und einem gesteigerten Risiko für Krankheitsschübe. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei einer länger andauernden Exposition von mehr als zwei Wochen. PM2,5 bezeichnet Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von höchstens 2,5 Mikrometern. Aufgrund ihrer geringen Größe können sie tief in die Lungenbläschen eindringen und dort die natürliche Schutzbarriere überwinden. Ein Teil dieser Partikel gelangt anschließend in den Blutkreislauf und kann sich im gesamten Körper verteilen.
Nach Einschätzung der Forschenden könnte dieser Prozess eine Reihe biologischer Reaktionen auslösen, die Entzündungen fördern. So wird angenommen, dass PM2,5 die Bildung sogenannter reaktiver Sauerstoffspezies (Reactive Oxygen Species, ROS) verstärkt. Diese hochreaktiven Sauerstoffverbindungen entstehen zwar auch unter normalen Bedingungen im Körper, können bei übermäßiger Produktion jedoch Zellen und Gewebe schädigen. Die daraus resultierende Belastung, die als oxidativer Stress bezeichnet wird, kann unter anderem die DNA, Proteine und Zellmembranen angreifen und Entzündungsprozesse aktivieren.
Für Menschen mit rheumatoider Arthritis könnte dieser Mechanismus von besonderer Bedeutung sein. Da das Immunsystem bei dieser Autoimmunerkrankung bereits fehlgesteuert ist, könnten zusätzliche entzündungsfördernde Reize durch Feinstaub die Freisetzung von Botenstoffen wie Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) sowie den Interleukinen IL-1β und IL-6 verstärken. Diese Zytokine spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Gelenkentzündung und sind gleichzeitig Angriffspunkte moderner RA-Therapien. Eine erhöhte Belastung mit PM2,5 könnte daher dazu beitragen, die Entzündungsaktivität weiter anzufachen und Krankheitsschübe zu begünstigen. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Obwohl der Zusammenhang zwischen einer höheren PM2,5-Belastung und einer gesteigerten Krankheitsaktivität deutlich war, lässt sich daraus kein ursächlicher Beweis ableiten. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob eine gezielte Verringerung der Feinstaubbelastung tatsächlich dazu beitragen kann, die Krankheitsaktivität bei Menschen mit rheumatoider Arthritis zu senken.
Die Luftqualität könnte die Behandlung von RA beeinflussen
Die Ergebnisse der Studie könnten nicht nur für die Forschung, sondern auch für die klinische Versorgung von Menschen mit rheumatoider Arthritis sowie für die Gesundheitspolitik von Bedeutung sein. Zwar kann die Untersuchung aufgrund ihres Beobachtungsdesigns nicht belegen, dass eine Verbesserung der Luftqualität die Krankheitsaktivität unmittelbar verringert. Dennoch liefert sie Hinweise darauf, dass die Belastung durch Feinstaub, insbesondere PM2,5, ein bislang unterschätzter Umweltfaktor sein könnte, der den Verlauf der Erkrankung beeinflusst. Aus Sicht der Autoren sollte dieser Aspekt daher künftig stärker in die Betreuung von RA-Patienten einbezogen werden. „Unsere Studie hat wichtige Implikationen für die Gestaltung der Gesundheitspolitik. Zwar sind weitere Studien erforderlich, um festzustellen, ob eine Verbesserung der Luftqualität die Krankheitsaktivität bei RA-Patienten verringern kann, doch würden wir diesen Patienten empfehlen, eine längere Exposition gegenüber schlechter Luftqualität, insbesondere hohen PM2,5-Werten, zu vermeiden“, erklärte Studienleiter Dr. Eun Bong Lee.
Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnte die Luftqualität künftig als zusätzlicher, beeinflussbarer Risikofaktor in das Krankheitsmanagement einfließen. Für behandelnde Ärztinnen und Ärzte würde dies bedeuten, Patienten verstärkt über mögliche Auswirkungen von Luftverschmutzung aufzuklären und sie darauf hinzuweisen, Phasen mit hoher Feinstaubbelastung möglichst zu meiden. Dazu könnte gehören, aktuelle Luftqualitätsberichte zu berücksichtigen, längere Aufenthalte im Freien an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung einzuschränken oder intensive körperliche Aktivitäten nach Möglichkeit auf Zeiten mit besserer Luftqualität zu verlegen. Solche Maßnahmen könnten insbesondere für Patienten mit einer hohen Krankheitsaktivität oder einer erhöhten Neigung zu Schüben von Bedeutung sein. Zukünftige Forschungsarbeiten seien jedoch wichtig. Diese könnten beispielsweise klären, ob Luftreinigungsmaßnahmen, individuelle Strategien zur Reduzierung der Feinstaubexposition oder langfristige Verbesserungen der Luftqualität die Häufigkeit von Schüben und den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen.
Darüber hinaus unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung gesundheitspolitischer Maßnahmen zur Reduzierung der Luftverschmutzung. Eine bessere Luftqualität könnte nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen senken, sondern möglicherweise auch Menschen mit chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen zugutekommen. Die Studie liefert damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Umweltfaktoren einen größeren Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf chronischer Erkrankungen haben könnten als bislang angenommen und dass Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität langfristig auch aus rheumatologischer Sicht gesundheitliche Vorteile bieten könnten.


