Laut einer neuen klinischen Studie kann die tägliche Einnahme eines präbiotischen Ballaststoffpräparats dazu beitragen, Schmerzen zu lindern und die körperliche Funktionsfähigkeit bei Menschen mit Kniearthrose zu verbessern. Teilnehmer, die das Präparat einnahmen, zeigten zudem eine stärkere Griffkraft und eine geringere Schmerzempfindlichkeit, während die Gruppe weitaus weniger Abbrecher verzeichnete als jene, die einem digitalen Physiotherapieprogramm zugewiesen worden war.
Forscher der Universität Nottingham leiteten die klinische Studie „INSPIRE“, in der Inulin getestet wurde, ein natürlicher Ballaststoff, der in Zichorienwurzeln, Topinambur und anderem Gemüse vorkommt. Die tägliche Einnahme von Inulin führte bei den Teilnehmern mit OA zu einer deutlichen Schmerzlinderung. Die in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Förderung der Darmgesundheit einen neuen Ansatz zur Behandlung einer weit verbreiteten und zu Behinderungen führenden Erkrankung bieten könnte, von der häufig ältere Menschen betroffen sind.
Wie präbiotische Ballaststoffe schmerzhafte Kniearthrose beeinflussen könnten
Weltweit leiden Hunderte Millionen Menschen an Kniearthrose, die insbesondere im höheren Lebensalter eine der Hauptursachen für chronische Schmerzen und Behinderungen darstellt. Die Behandlung umfasst oft Schmerzmittel, die Nebenwirkungen hervorrufen können, oder Bewegungsprogramme, die manche Patienten auf Dauer nur schwer durchhalten können. „Diese Studie eröffnet die vielversprechende Möglichkeit, dass eine einfache Ernährungsumstellung – die Zugabe eines Ballaststoffpräparats zum Frühstück oder Joghurt – Schmerzen deutlich lindern und die körperliche Funktionsfähigkeit verbessern könnte“, sagte Dr. Afroditi Kouraki, Hauptautorin der Studie von der Medizinischen Fakultät der Universität Nottingham.
Das Darmmikrobiom besteht aus Billionen von Bakterien, die nicht nur die Verdauung, sondern auch das Immunsystem, den Stoffwechsel und möglicherweise die Schmerzverarbeitung beeinflussen. Inulin ist ein Präbiotikum und dient bestimmten nützlichen Darmbakterien als Nahrung. Bei der Verwertung von Inulin entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Diese können Entzündungsprozesse und Signalwege beeinflussen, die an der Entstehung und Verarbeitung von Schmerzen beteiligt sind. Dadurch könnte eine Veränderung des Darmmikrobioms möglicherweise auch chronische Schmerzen bei Arthrose beeinflussen.
Die Teilnehmer der Studie, die Inulin einnahmen, wiesen höhere Werte von Butyrat und GLP-1 auf. GLP-1 ist ein Darmhormon, das unter anderem den Stoffwechsel reguliert und möglicherweise auch an der Schmerz- und Muskelregulation beteiligt ist. Höhere GLP-1-Werte standen in der Studie zudem mit einer besseren Griffkraft in Zusammenhang. Die Ergebnisse deuten damit auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Darmgesundheit, Schmerzempfindlichkeit und Muskelfunktion hin. Ob Butyrat und GLP-1 tatsächlich die Ursache für die beobachteten Verbesserungen sind, muss jedoch noch durch weitere Studien geklärt werden.
Inulin und Physiotherapie linderten die Schmerzen
An der sechswöchigen randomisierten kontrollierten Studie nahmen 117 Erwachsene mit Kniearthrose teil. Die Teilnehmer wurden in vier Gruppen eingeteilt, die entweder nur Inulin, nur digitale physiotherapeutisch unterstützte Übungen (PSE), beide Behandlungen zusammen oder ein Placebo erhielten. Sowohl Inulin als auch Physiotherapie führten unabhängig voneinander zu einer Linderung der Knieschmerzen. Allerdings zeigte sich nur in der Inulin-Gruppe eine verbesserte Griffkraft und eine geringere Schmerzempfindlichkeit. Diese Messwerte können Aufschluss darüber geben, wie das Nervensystem Schmerzsignale wahrnimmt und verarbeitet.
Die Inulin-Gruppe wies zudem eine deutlich geringere Abbruchquote auf. Nur 3,6 % der Teilnehmer, die das Nahrungsergänzungsmittel einnahmen, brachen die Studie ab, verglichen mit 21 % in der Physiotherapie-Gruppe. Dieser Unterschied deutet darauf hin, dass es für viele Patienten einfacher sein könnte, die Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels in ihren Alltag zu integrieren, als ein Trainingsprogramm einzuhalten. Dr. Kouraki sagte: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Förderung der Darmgesundheit durch ein präbiotisches Nahrungsergänzungsmittel eine sichere, gut verträgliche und wirksame Methode ist, um Schmerzen bei Menschen mit Kniearthrose zu lindern. Die im Vergleich zur Trainingsgruppe sehr niedrige Abbruchquote ist auch aus Sicht der öffentlichen Gesundheit ermutigend – die Teilnehmer konnten dieses Nahrungsergänzungsmittel problemlos in ihren Alltag integrieren.“
Ein möglicher Zusammenhang zwischen Darm, Muskeln und Schmerzen
Die leitende Studienautorin, Professorin Ana Valdes von der School of Medicine, betont, dass insbesondere der Zusammenhang zwischen den GLP-1-Werten und der Griffkraft interessant sei. Die Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass zwischen dem Darm, der Muskulatur und der Schmerzverarbeitung eine bisher noch nicht vollständig verstandene Verbindung besteht. Die sogenannte Darm-Muskel-Achse könnte daher künftig eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Arthrose und anderen altersbedingten Beschwerden spielen. Nach Ansicht der Forscher könnte die Gesundheit des Darmmikrobioms nicht nur Einfluss auf Schmerzen nehmen, sondern möglicherweise auch mit der Muskelkraft, körperlichen Belastbarkeit und dem allgemeinen Alterungsprozess zusammenhängen. Ob diese Zusammenhänge tatsächlich ursächlich sind, muss allerdings noch in weiteren und größeren Studien untersucht werden.
Auch Professorin Lucy Donaldson, Forschungsdirektorin bei Arthritis UK, weist auf die große Bedeutung chronischer Arthritisschmerzen für die Lebensqualität hin. Viele Betroffene leiden regelmäßig oder dauerhaft unter Schmerzen, die ihren Alltag und ihre Beweglichkeit erheblich einschränken können. Gleichzeitig steckt die Forschung zum Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Schmerzempfinden noch in einer frühen Phase. Die aktuelle Studie liefert jedoch interessante Hinweise darauf, dass Ernährung und Bewegung unterschiedliche, möglicherweise ergänzende Wege darstellen können, um Menschen mit Arthrose zu unterstützen.
Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen, kombiniert mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, bleibt dabei ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Lebensstils. Weitere Forschung soll nun klären, ob eine gezielte Beeinflussung des Darmmikrobioms tatsächlich langfristig dazu beitragen kann, Schmerzen zu reduzieren und die körperliche Leistungsfähigkeit bei Menschen mit Arthrose zu verbessern.
Welche Maßnahmen bei Arthrose zusätzlich helfen können
Neben einer ausgewogenen, ballaststoffreichen Ernährung gibt es mehrere Maßnahmen, die nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Kniearthrose spielen. Eine der zentralen Säulen ist regelmäßige körperliche Aktivität. Gezieltes Krafttraining kann die Muskulatur rund um das Knie stärken und dadurch die Belastung des Gelenks im Alltag besser abfangen. Gleichzeitig können Ausdaueraktivitäten mit geringer Gelenkbelastung, beispielsweise Radfahren, Schwimmen oder regelmäßiges Gehen, dazu beitragen, Beweglichkeit und körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Auch physiotherapeutisch angeleitete Übungen können sinnvoll sein, insbesondere wenn Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen die eigenständige Aktivität erschweren.
Bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas kann zudem eine Gewichtsreduktion einen wichtigen therapeutischen Ansatz darstellen. Weniger Körpergewicht reduziert die mechanische Belastung des Kniegelenks und kann dadurch Schmerzen und Einschränkungen im Alltag verringern. Darüber hinaus können Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse, die bei Übergewicht verstärkt auftreten können, ebenfalls eine Rolle bei der Arthroseentwicklung und Schmerzempfindlichkeit spielen.
Ergänzend können Maßnahmen zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden. Dazu gehören je nach individueller Situation beispielsweise topische oder orale Schmerz- und Entzündungsmedikamente sowie in bestimmten Fällen weitere ärztliche Behandlungen. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem von der Stärke der Beschwerden, Begleiterkrankungen und möglichen Nebenwirkungen ab und sollte deshalb individuell mit medizinischem Fachpersonal besprochen werden.
Insgesamt spricht die aktuelle Forschung dafür, Arthrose nicht ausschließlich als Erkrankung des Gelenkknorpels zu betrachten. Vielmehr wirken mechanische Belastung, Muskelkraft, Körpergewicht, Entzündungsprozesse, Stoffwechsel und die Verarbeitung von Schmerzsignalen zusammen. Ein multimodaler Ansatz, der Bewegung, Muskelkräftigung, Gewichtsmanagement, eine ausgewogene Ernährung und bei Bedarf eine medizinische Schmerztherapie miteinander verbindet, kann daher sinnvoller sein als eine einzelne Maßnahme. Präbiotische Ballaststoffe wie Inulin könnten in Zukunft möglicherweise eine ergänzende Rolle spielen, ihre genaue Bedeutung für die langfristige Behandlung der Arthrose muss jedoch noch durch größere und längerfristige Studien geklärt werden.


