Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für zahlreiche Krebserkrankungen. Auch Bauchspeicheldrüsenkrebs tritt überwiegend bei älteren Menschen auf und gehört zu den besonders schwer zu behandelnden Tumorerkrankungen. Ein Grund dafür liegt nicht nur in den Eigenschaften der Tumorzellen selbst. Auch die Umgebung, in der sich der Tumor entwickelt, kann entscheidend dazu beitragen, dass Krebszellen wachsen, sich anpassen und Behandlungen widerstehen. Forscher des Sylvester Comprehensive Cancer Center an der Miller School of Medicine der University of Miami haben nun einen möglichen Ansatz untersucht, mit dem sich diese schützende Umgebung gezielt verändern lassen könnte. Im Mittelpunkt steht ein Molekül namens IL1RAP. Dabei handelt es sich um einen Rezeptor, der an der Weiterleitung verschiedener Entzündungssignale beteiligt ist.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass IL1RAP eine Art Verbindungspunkt zwischen verschiedenen Zellen im Umfeld eines Bauchspeicheldrüsentumors bildet. Wird dieser Signalweg blockiert, könnte sich möglicherweise das Zusammenspiel zwischen Krebszellen, Immunzellen und Bindegewebszellen verändern. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden in JCI Insight veröffentlicht. Auf Grundlage der präklinischen Ergebnisse wird nun eine klinische Studie vorbereitet, in der eine gegen IL1RAP gerichtete Behandlung mit einer Chemoimmuntherapie kombiniert werden soll.
Die besondere Herausforderung bei Bauchspeicheldrüsenkrebs
Die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs stellt Mediziner vor mehrere größere Hürden. Die Erkrankung wird häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Gleichzeitig sind die Tumoren von einem komplexen Netzwerk aus verschiedenen Zellen und Gewebestrukturen umgeben.

Diese sogenannte Tumormikroumgebung ist für die Krebsforschung zunehmend interessant. Sie besteht unter anderem aus Immunzellen, Fibroblasten und Bindegewebe. Anstatt den Tumor lediglich passiv zu umgeben, können diese Zellen miteinander kommunizieren und dadurch Bedingungen schaffen, unter denen Krebszellen besser überleben können.
Besonders problematisch ist, dass die Tumorumgebung gleichzeitig entzündliche Signale fördern und die Aktivität des Immunsystems unterdrücken kann. Dadurch entsteht eine Situation, in der zwar Entzündungsprozesse vorhanden sind, die körpereigene Abwehr den Tumor aber dennoch nicht effektiv angreifen kann. Auch bestimmte Medikamente können unter solchen Bedingungen weniger wirksam sein.
IL1RAP als möglicher Angriffspunkt
Genau hier setzt die neue Forschungsarbeit an. IL1RAP ist an Signalwegen beteiligt, die Entzündungsreaktionen innerhalb des Gewebes regulieren. Die Forscher untersuchten, welche Bedeutung dieser Rezeptor für das Zusammenspiel der verschiedenen Zellen im Umfeld eines Bauchspeicheldrüsentumors hat.
Nach den Ergebnissen der präklinischen Untersuchungen könnte IL1RAP dabei helfen, mehrere entzündungsfördernde Signale miteinander zu verbinden. Dadurch entsteht möglicherweise ein Netzwerk, das den Tumor beim Wachstum unterstützt und gleichzeitig eine wirksame Immunantwort erschwert.
Dr. Jashodeep Datta und sein Team vermuten deshalb, dass die Blockierung von IL1RAP nicht nur einzelne Krebszellen beeinflussen könnte. Stattdessen soll die Strategie die Bedingungen verändern, unter denen der Tumor wächst. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Therapien, die sich ausschließlich gegen die Krebszellen richten. Die Wissenschaftler versuchen vielmehr, dem Tumor einen Teil seiner schützenden Umgebung zu entziehen.
Weitere Forschung liefert ähnliche Hinweise
Die Bedeutung von IL1RAP für die Tumorumgebung wurde auch von anderen Wissenschaftlern untersucht. In einer 2024 veröffentlichten Studie beschäftigte sich ein unabhängiges Forschungsteam mit der Rolle von IL1RAP in sogenannten krebsassoziierten Fibroblasten. Diese Bindegewebszellen sind ein wichtiger Bestandteil der Umgebung von Bauchspeicheldrüsentumoren und können Entzündungsprozesse sowie die Kommunikation zwischen verschiedenen Zelltypen beeinflussen.
Die Forscher untersuchten unter anderem den IL1RAP-blockierenden Antikörper Nadunolimab. In ihren Experimenten führte die Blockierung des Signalwegs dazu, dass Fibroblasten weniger bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzten. Dadurch wurden unter anderem weniger Immunzellen in die Tumorumgebung gelockt, die dort eine krebsfördernde Rolle übernehmen können.
Auch in präklinischen Modellen zeigten sich Hinweise auf eine antitumorale Wirkung der IL1RAP-Hemmung. Die Ergebnisse unterstützen damit die Annahme, dass IL1RAP nicht nur für einzelne Krebszellen relevant sein könnte, sondern auch für das komplexe Netzwerk aus Tumorzellen, Bindegewebe und Immunzellen. Die Studie liefert damit eine zusätzliche wissenschaftliche Perspektive auf den Ansatz, IL1RAP als therapeutisches Ziel zu untersuchen. Sie stammt nicht aus der gleichen Forschungsgruppe wie die aktuelle Arbeit.
Weniger immunsuppressive Zellen, aktivere T-Zellen
In ihren präklinischen Experimenten beobachteten die Forscher mehrere Veränderungen nach der Hemmung von IL1RAP. Unter anderem nahm die Zahl bestimmter immunsuppressiver Zellen im Tumorgewebe ab. Gleichzeitig zeigten T-Zellen eine stärkere Aktivität. Diese Immunzellen spielen eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Bekämpfung von Krebszellen.

Auch die starke Vernarbung und Verhärtung des Tumorgewebes, die bei Bauchspeicheldrüsenkrebs häufig vorkommt, wurde in den Untersuchungen reduziert. Eine solche fibrotische Umgebung kann den Zugang von Immunzellen und Medikamenten zum Tumor erschweren. Die Kombination verschiedener Veränderungen könnte erklären, warum die Tumoren in den präklinischen Modellen besser auf eine zusätzliche Behandlung ansprachen. Dabei ist wichtig: Diese Ergebnisse stammen aus der präklinischen Forschung und sind noch kein Nachweis dafür, dass die Methode bei Menschen ebenso gut funktioniert.
Eine andere Strategie im Kampf gegen den Tumor
Der Ansatz unterscheidet sich von der klassischen Vorstellung, Krebs ausschließlich durch das Abtöten von Tumorzellen zu behandeln. Krebszellen können sich an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Wenn ihre Umgebung ihnen Schutz bietet, können sie unter Umständen auch eine Behandlung besser überstehen. Deshalb versuchen Forscher zunehmend, gleichzeitig die Tumorzellen und ihre Umgebung zu beeinflussen.
Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs könnte dieser Ansatz besonders interessant sein. Der Tumor ist stark mit seinem umgebenden Gewebe verbunden und steht in ständigem Austausch mit Immun- und Bindegewebszellen. Durch die Blockierung eines zentralen Signalwegs wie IL1RAP hoffen die Wissenschaftler, mehrere dieser Wechselwirkungen gleichzeitig zu beeinflussen.
Von der Laborforschung zur Behandlung von Patienten
Die nächsten Schritte sind nun besonders wichtig. Das Forschungsteam arbeitet daran, die Erkenntnisse aus den Laboruntersuchungen in eine klinische Studie zu übertragen. Geplant ist eine sogenannte neoadjuvante Behandlung. Dabei erhalten Patienten die Therapie bereits vor der geplanten Operation. Bei operablem Bauchspeicheldrüsenkrebs soll eine gegen IL1RAP gerichtete Behandlung mit einer Chemoimmuntherapie kombiniert werden.
Dieser Aufbau bietet den Forschern einen besonderen Vorteil: Sie können das Tumorgewebe vor und nach der Behandlung untersuchen. Dadurch lässt sich wesentlich genauer feststellen, ob und wie die Therapie die Tumorumgebung verändert. Die Wissenschaftler können beispielsweise analysieren, ob sich die Zusammensetzung der Immunzellen verändert, ob die Fibrose zurückgeht und ob bestimmte biologische Signalwege tatsächlich abgeschwächt werden.
Damit soll nicht nur untersucht werden, ob die Behandlung grundsätzlich wirkt. Die Forscher wollen auch besser verstehen, warum ein Tumor auf die Therapie anspricht oder warum sie bei bestimmten Patienten möglicherweise nicht erfolgreich ist.
Warum die Studie für die Krebsforschung interessant ist
Die geplante klinische Untersuchung könnte damit eine Verbindung zwischen Grundlagenforschung und moderner Krebstherapie herstellen. Statt erst nach einer Operation ausschließlich anhand des entfernten Tumors zu untersuchen, was passiert ist, können die Forscher die biologischen Veränderungen während der Behandlung gezielt beobachten.

Dr. Peter Hosein, der ebenfalls an der Forschungsarbeit beteiligt ist, betont die Bedeutung dieser Verbindung zwischen Labor und klinischer Anwendung. Jede neue Behandlungsmethode könne zusätzliche Informationen darüber liefern, wie sich Bauchspeicheldrüsenkrebs bei einer Therapie verändert.
Gerade bei einer so komplexen Erkrankung sind solche Erkenntnisse wichtig. Nicht jeder Tumor reagiert gleich auf eine Behandlung. Das Verständnis der individuellen Tumorumgebung könnte langfristig dabei helfen, Therapien gezielter auf bestimmte Patientengruppen auszurichten.
Die Entwicklung des neuen Therapieansatzes wird unter anderem durch eine Förderung der V Foundation for Cancer Research unterstützt. Das Forschungsprojekt wurde im Rahmen eines Programms für translationale Forschung ausgewählt. Solche Förderprogramme sollen dabei helfen, vielversprechende Erkenntnisse aus dem Labor schneller in klinische Untersuchungen zu überführen. Für das Projekt stehen über einen Zeitraum von vier Jahren insgesamt 800.000 US-Dollar zur Verfügung. Damit soll die weitere Entwicklung des IL1RAP-Ansatzes und der Übergang von der präklinischen Forschung zu frühen klinischen Studien unterstützt werden.
Noch keine bewiesene Therapie – aber ein interessanter Ansatz
Die aktuellen Ergebnisse sind vielversprechend, müssen jedoch mit der notwendigen Vorsicht bewertet werden. Die bisherigen Untersuchungen zeigen vor allem, dass die Blockierung von IL1RAP in präklinischen Modellen Veränderungen in der Tumorumgebung auslösen kann.
Ob daraus tatsächlich ein klinisch relevanter Vorteil für Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs entsteht, muss erst durch die geplanten Studien geklärt werden. Auch mögliche Nebenwirkungen, die optimale Kombination mit anderen Therapien und die Frage, welche Patienten am stärksten profitieren könnten, sind noch offen.
Dennoch zeigt die Forschung einen wichtigen Trend in der modernen Onkologie: Der Kampf gegen Krebs richtet sich zunehmend nicht nur gegen die Tumorzellen selbst. Auch das biologische Umfeld, das einen Tumor unterstützt und vor dem Immunsystem oder Medikamenten schützen kann, wird zu einem möglichen therapeutischen Ziel.
Sollte sich der IL1RAP-Ansatz in klinischen Untersuchungen bestätigen, könnte daraus langfristig eine zusätzliche Strategie für die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs entstehen. Bis dahin sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig.

