Mit zunehmendem Alter verändert sich auch das Gehirn. Bestimmte Bereiche verlieren an Volumen, graue und weiße Substanz nehmen ab und die mit Flüssigkeit gefüllten Hirnventrikel können größer werden. Diese Veränderungen gehören teilweise zum normalen Alterungsprozess, werden aber auch im Zusammenhang mit verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen untersucht.
Eine aktuelle Studie liefert nun Hinweise darauf, dass die Ernährung mit dem Tempo solcher strukturellen Veränderungen zusammenhängen könnte. Im Mittelpunkt steht die sogenannte MIND-Diät, eine Ernährungsweise, die Elemente der mediterranen Ernährung mit den Prinzipien der DASH-Diät zur Blutdrucksenkung verbindet. Die Forscher fanden bei Menschen, die sich stärker an dieses Ernährungsmuster hielten, über mehrere Jahre hinweg einen langsameren Verlust bestimmter Hirnstrukturen. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei der grauen Substanz.
Eine Ernährung, die speziell auf die Gehirngesundheit ausgerichtet ist
Die MIND-Diät wurde speziell mit dem Ziel entwickelt, Elemente der mediterranen Ernährung und der sogenannten DASH-Diät mit Erkenntnissen aus der Demenz- und Altersforschung zu verbinden. Der vollständige Name lautet „Mediterranean-DASH Diet Intervention for Neurodegenerative Delay“. Im Mittelpunkt stehen Lebensmittel, die regelmäßig auf dem Speiseplan stehen sollen. Dazu gehören insbesondere grünes Blattgemüse, anderes Gemüse, Beeren, Nüsse, Vollkornprodukte, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Fisch, Geflügel und Olivenöl. Auch Wein gehört in der ursprünglichen MIND-Diät zu den empfohlenen Bestandteilen, allerdings nur in moderaten Mengen. Besonders hervorgehoben werden grünes Blattgemüse und Beeren. In der ursprünglichen Ernährungsempfehlung wird beispielsweise empfohlen, regelmäßig grünes Blattgemüse zu essen und Beeren mehrmals pro Woche in den Speiseplan einzubauen. Nüsse, Bohnen und Vollkornprodukte sollen ebenfalls regelmäßig verzehrt werden. Fisch steht mindestens einmal pro Woche auf dem Plan, Geflügel wird gegenüber rotem Fleisch bevorzugt.
Gleichzeitig sollen bestimmte Lebensmittel deutlich seltener gegessen werden. Dazu gehören vor allem rotes Fleisch, Butter und Margarine, Käse, Süßigkeiten und Gebäck sowie frittierte Speisen und Fast Food. Es handelt sich dabei nicht um ein striktes Verbot. Entscheidend ist vielmehr die Häufigkeit: Die MIND-Diät soll langfristig ein Ernährungsmuster schaffen, bei dem pflanzliche und möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel den Schwerpunkt bilden. Die Auswahl der Lebensmittel basiert unter anderem auf ihren enthaltenen Nährstoffen und bioaktiven Substanzen. Gemüse, Beeren, Nüsse und Olivenöl liefern beispielsweise verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe und ungesättigte Fettsäuren. Beeren enthalten unter anderem Polyphenole wie Anthocyane. Fisch liefert Omega-3-Fettsäuren, während Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte reich an Ballaststoffen und verschiedenen Mikronährstoffen sind.
Wissenschaftler untersuchen deshalb, ob eine solche Zusammensetzung der Ernährung Prozesse beeinflussen könnte, die für die Alterung des Gehirns relevant sind. Dazu gehören beispielsweise Entzündungsprozesse, oxidativer Stress und die Gesundheit der Blutgefäße. Gerade Letztere spielt eine wichtige Rolle für das Gehirn, da Nervenzellen auf eine ausreichende Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen angewiesen sind. Die MIND-Diät ist allerdings nicht einfach mit einer mediterranen Ernährung gleichzusetzen. Sie setzt bestimmte Schwerpunkte, die speziell mit der kognitiven Gesundheit in Verbindung gebracht wurden. Dazu gehören insbesondere Beeren und grünes Blattgemüse. Gleichzeitig greift sie mit ihren Empfehlungen zur Begrenzung bestimmter Lebensmittel auf Prinzipien der DASH-Ernährung zurück, die ursprünglich vor allem zur Unterstützung eines gesunden Blutdrucks entwickelt wurde.
Für wissenschaftliche Untersuchungen wird die Einhaltung der MIND-Diät häufig über einen sogenannten MIND-Score bewertet. Dabei erhalten Teilnehmer Punkte für einen häufigeren Verzehr der empfohlenen Lebensmittelgruppen. Ein hoher Konsum von beispielsweise grünem Blattgemüse, Beeren, Nüssen oder Bohnen führt zu höheren Werten. Häufiger Verzehr von rotem Fleisch, Süßigkeiten oder frittierten Speisen wirkt sich dagegen negativ auf den Score aus. Genau einen solchen Bewertungsansatz nutzten auch die Forscher der aktuellen Untersuchung. Dadurch konnten sie vergleichen, ob Menschen mit einer stärkeren Orientierung an der MIND-Diät über viele Jahre andere Veränderungen ihrer Gehirnstruktur zeigten als Personen mit einer geringeren Übereinstimmung.
Wichtig bleibt jedoch: Ein hoher MIND-Score beweist nicht, dass die Ernährung selbst für die beobachteten Unterschiede verantwortlich ist. Menschen mit einer stärker an der MIND-Diät orientierten Ernährung können sich auch in anderen Punkten unterscheiden – beispielsweise durch mehr Bewegung, weniger Rauchen oder einen insgesamt gesundheitsbewussteren Lebensstil. Die MIND-Diät ist deshalb vor allem als Ernährungsmuster zur Untersuchung der Gehirngesundheit interessant. Ob sie tatsächlich die strukturelle Alterung des Gehirns verlangsamen oder das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen senken kann, müssen weitere Studien klären.
Weniger Verlust an grauer Substanz
Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten von 1.647 Erwachsenen aus der Framingham Heart Study Offspring Cohort aus. Das Durchschnittsalter zu Beginn lag bei etwa 60 Jahren. Die Teilnehmer wurden über viele Jahre medizinisch begleitet. Zusätzlich wurden wiederholt MRT-Aufnahmen des Gehirns angefertigt. Für die aktuelle Analyse standen dadurch Daten über einen durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von rund zwölf Jahren zur Verfügung. Die Ernährung wurde mithilfe von Fragebögen erfasst. Daraus errechneten die Forscher einen MIND-Diät-Score zwischen 0 und 15 Punkten. Ein höherer Wert bedeutete eine stärkere Übereinstimmung mit den Empfehlungen der MIND-Diät. Bei den MRT-Untersuchungen konnten die Forscher anschließend verfolgen, wie sich verschiedene Strukturen des Gehirns im Laufe der Zeit veränderten.
Wie zu erwarten, zeigten die Gehirnaufnahmen bei den Teilnehmern insgesamt typische altersbedingte Veränderungen. Das Gesamtvolumen des Gehirns nahm ab, ebenso das Volumen der grauen und weißen Substanz sowie des Hippocampus. Gleichzeitig vergrößerten sich die Hirnventrikel. Dabei handelt es sich um mit Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit gefüllte Hohlräume im Inneren des Gehirns, die bei zunehmendem Verlust von Hirngewebe größer werden können.
Bei Personen mit höheren MIND-Diät-Werten verlief insbesondere der Rückgang der grauen Substanz langsamer. Nach Angaben der Forscher war ein Anstieg des MIND-Scores um drei Punkte mit einem um etwa 20 Prozent geringeren altersbedingten Verlust an grauer Substanz verbunden. Die Berechnungen entsprachen dabei einer Verzögerung der strukturellen Gehirnalterung um ungefähr 2,5 Jahre.
Auch bei der Vergrößerung der Hirnventrikel zeigte sich ein Zusammenhang. Ein höherer MIND-Score war mit einer langsameren Zunahme des Ventrikelvolumens verbunden. Diese Zahlen sollten allerdings nicht so verstanden werden, dass die Teilnehmer durch die MIND-Diät tatsächlich um 2,5 Jahre „jünger“ geworden wären. Es handelt sich um statistische Berechnungen innerhalb einer Beobachtungsstudie.
Beeren fallen besonders auf
Bei der genaueren Betrachtung einzelner Lebensmittel zeigten sich ebenfalls Unterschiede. Ein höherer Verzehr von Beeren war mit einer langsameren Zunahme des Ventrikelvolumens verbunden. Auch Geflügel stand mit mehreren günstigeren strukturellen Veränderungen in Zusammenhang. Bei Süßigkeiten zeigte sich dagegen ein anderes Muster. Ein höherer Konsum war mit einer stärkeren Vergrößerung der Ventrikel und einem stärkeren Rückgang des Hippocampusvolumens verbunden.

Auch frittierte Fast-Food-Produkte waren mit einem stärkeren Verlust von Hippocampusgewebe verbunden. Der Hippocampus ist eine für Lernen und Gedächtnis besonders wichtige Hirnregion. Veränderungen dieser Struktur werden deshalb auch in der Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer untersucht.
Die Forscher vermuten, dass unter anderem antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften bestimmter Lebensmittel eine Rolle spielen könnten. Das ist jedoch eine mögliche Erklärung und wurde durch die Studie selbst nicht als Ursache nachgewiesen.
Der Zusammenhang war bei älteren Menschen stärker
Interessant ist, dass nicht jedes Ergebnis eindeutig in das Bild einer „gesunden Ernährung schützt das Gehirn“-These passte. So war ein höherer Vollkornkonsum in dieser Untersuchung teilweise mit ungünstigeren strukturellen Veränderungen verbunden. Dazu gehörten ein schnellerer Rückgang der grauen Substanz und des Hippocampus sowie eine stärkere Zunahme des Ventrikelvolumens. Beim Käsekonsum zeigte sich dagegen ein unerwartetes Muster: Ein höherer Konsum war mit mehreren günstigeren strukturellen Veränderungen verbunden.
Solche Ergebnisse zeigen, warum einzelne Lebensmittel nicht isoliert aus einer Beobachtungsstudie bewertet werden sollten. Ernährungsmuster sind komplex, und Menschen, die bestimmte Lebensmittel häufiger essen, unterscheiden sich häufig auch in anderen Lebensgewohnheiten. Die statistischen Zusammenhänge zwischen MIND-Ernährung und Gehirnstruktur waren bei älteren Teilnehmern ausgeprägter. Auch bei Menschen, die körperlich aktiver waren oder nicht übergewichtig beziehungsweise adipös waren, wurden teilweise stärkere Zusammenhänge beobachtet.
Das könnte darauf hindeuten, dass Ernährung und andere Lebensstilfaktoren gemeinsam mit dem Alterungsprozess des Gehirns verbunden sind. Ob die Kombination verschiedener gesunder Gewohnheiten tatsächlich einen zusätzlichen Schutz bietet, lässt sich mit den vorliegenden Daten allerdings nicht eindeutig beantworten.
Warum die Studie keinen Beweis für einen Anti-Aging-Effekt liefert
Trotz der interessanten MRT-Daten handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Die Forscher haben nicht zufällig einen Teil der Teilnehmer einer MIND-Diät zugeteilt und anschließend mit einer Kontrollgruppe verglichen. Stattdessen wurde untersucht, wie die selbst angegebene Ernährung mit den später beobachteten Veränderungen des Gehirns zusammenhing. Deshalb lässt sich nicht beweisen, dass die MIND-Diät den langsameren Verlust von Hirngewebe verursacht hat.

Menschen mit einer höheren MIND-Diät-Einhaltung unterschieden sich beispielsweise auch in anderen Bereichen von Teilnehmern mit niedrigeren Werten. Sie waren häufiger höher gebildet, rauchten seltener und hatten weniger bestimmte Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Solche Faktoren können ebenfalls mit der Gehirngesundheit zusammenhängen.
Hinzu kommt, dass die Ernährung über Fragebögen erfasst wurde. Dabei können Erinnerungsfehler nicht ausgeschlossen werden. Auch Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten im Verlauf der Jahre konnten nicht vollständig berücksichtigt werden.
Ernährung könnte ein Baustein unter mehreren sein
Die Untersuchung liefert dennoch einen interessanten Hinweis: Ein Ernährungsmuster, das reich an Gemüse, Beeren, Nüssen, Hülsenfrüchten, Fisch und anderen wenig verarbeiteten Lebensmitteln ist, steht möglicherweise mit einem langsameren strukturellen Wandel des Gehirns im Alter in Verbindung. Das passt zu einem größeren Forschungsgebiet, in dem untersucht wird, wie Ernährung, Bewegung, Blutdruck, Stoffwechsel und andere Lebensstilfaktoren gemeinsam die Alterung des Gehirns beeinflussen.
Besonders relevant ist dabei die graue Substanz. Sie enthält große Teile der Nervenzellkörper und ist an zahlreichen Funktionen beteiligt, darunter Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis und Entscheidungsprozesse. Die Studie zeigt allerdings nicht, dass eine bestimmte Ernährung Alzheimer oder andere neurodegenerative Erkrankungen verhindert.
Die Ergebnisse sprechen eher dafür, Ernährung als einen Bestandteil eines umfassenderen Ansatzes zur Erhaltung der Gehirngesundheit zu betrachten. Blutdruckkontrolle, regelmäßige körperliche Aktivität, ausreichender Schlaf, soziale und geistige Aktivität sowie die Behandlung von Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen werden ebenfalls mit der Gesundheit des Gehirns im Alter in Verbindung gebracht. Die MIND-Diät könnte dabei eine Möglichkeit sein, mehrere dieser ernährungsbezogenen Faktoren in einem Ernährungsmuster zusammenzuführen. Ob sie tatsächlich die Alterung des Gehirns verlangsamt, müsste jedoch in langfristigen randomisierten Studien überprüft werden.
Das Gehirn altert – aber möglicherweise nicht bei allen gleich schnell
Die aktuelle Untersuchung macht vor allem deutlich, dass sich die strukturelle Alterung des Gehirns von Mensch zu Mensch unterscheiden kann. Die Unterschiede scheinen mit zahlreichen Faktoren zusammenzuhängen, darunter Ernährung, körperliche Aktivität, Stoffwechsel, Gefäßgesundheit und andere Lebensbedingungen.
Die MIND-Diät ist deshalb weniger als einzelne „Anti-Aging-Diät“ zu verstehen. Interessanter ist das dahinterstehende Ernährungsmuster: viel pflanzliche Nahrung, Beeren, Nüsse und Hülsenfrüchte, kombiniert mit Fisch und anderen hochwertigen Lebensmitteln und einem geringeren Konsum stark verarbeiteter Produkte.
Die neue Studie liefert Hinweise darauf, dass ein solches Ernährungsmuster mit einer langsameren strukturellen Gehirnalterung verbunden sein könnte. Ob daraus tatsächlich ein geringeres Risiko für Demenz oder andere neurodegenerative Erkrankungen entsteht, bleibt jedoch eine offene Forschungsfrage.



