Ein längeres Leben geht oft mit Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten einher, und das Arbeitsgedächtnis gehört zu den geistigen Fähigkeiten, die am anfälligsten für altersbedingten Verfall sind. Forscher gehen seit langem davon aus, dass sowohl körperliche Bewegung als auch geistig anregende Aktivitäten dazu beitragen können, die Gesundheit des Gehirns im Alter zu erhalten.
Zwei Gehirnregionen, die mit zunehmendem Alter häufig schrumpfen und an Aktivität verlieren, sind das Putamen und das Kleinhirn. Interessanterweise haben neurowissenschaftliche Studien genau diese Bereiche als besonders empfänglich für das Erlernen eines Musikinstruments identifiziert. Ein Großteil der bisherigen Forschung konzentrierte sich jedoch auf jüngere Menschen oder Personen, die bereits in ihrer Kindheit mit dem Musizieren begonnen hatten.
Erlernen eines Musikinstruments: Gehirnscans zeigen Unterschiede nach vier Jahren
Um zu untersuchen, ob ältere Erwachsene ähnliche Vorteile erzielen können, untersuchten Forscher der Universität Kyoto, was passiert, wenn Menschen erst im fortgeschrittenen Alter mit dem Erlernen eines Musikinstruments beginnen. Das Team hatte zuvor berichtet, dass ältere Erwachsene, die über einen Zeitraum von vier Monaten zum ersten Mal ein Musikinstrument spielten, Verbesserungen der Gedächtnisleistung und der Putamen-Funktion zeigten. Ermutigt durch diese Ergebnisse wollten die Forscher herausfinden, ob die positiven Effekte langfristig anhalten. Die neue Studie begleitete dieselben Teilnehmer wie das frühere Projekt aus dem Jahr 2020. Zu Beginn der ursprünglichen Studie waren die Teilnehmer durchschnittlich 73 Jahre alt. Nach Abschluss der ersten viermonatigen Trainingsphase spielte etwa die Hälfte mehr als drei Jahre lang weiter ein Instrument, während die anderen aufhörten und stattdessen anderen Hobbys nachgingen.

Vier Jahre nach Beginn der Untersuchung luden die Forscher die Teilnehmer erneut zu MRT-Untersuchungen ein, bei denen insbesondere das Putamen und das Kleinhirn analysiert wurden. Zusätzlich absolvierten die Teilnehmer mehrere kognitive Tests, darunter einen Test des verbalen Arbeitsgedächtnisses – also jener Fähigkeit, Informationen kurzfristig zu speichern und aktiv zu verarbeiten. Zu Beginn der Studie hatten sich die Teilnehmer weder hinsichtlich ihrer Gehirnstruktur noch ihrer geistigen Leistungsfähigkeit signifikant unterschieden. Nach vier Jahren zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen denjenigen, die das Musizieren fortgesetzt hatten, und jenen, die damit aufgehört hatten. Die Teilnehmer, die nicht mehr spielten, wiesen Einbußen im verbalen Arbeitsgedächtnis auf und zeigten zugleich eine Verringerung des Volumens der grauen Substanz im rechten Putamen. Dagegen blieben bei den Personen, die weiterhin regelmäßig ihr Instrument spielten, sowohl die Gedächtnisleistung als auch die Struktur dieser Hirnregion deutlich besser erhalten.
Besonders bemerkenswert ist die Rolle des Putamens. Diese tief im Gehirn gelegene Struktur gehört zu den Basalganglien und ist an einer Vielzahl von Funktionen beteiligt, darunter Bewegungssteuerung, Lernen, Gewohnheitsbildung, Aufmerksamkeit und die Koordination komplexer Handlungsabläufe. Beim Musizieren wird das Putamen kontinuierlich beansprucht, da das Gehirn ständig präzise Bewegungen planen, Fehler korrigieren und sensorische Informationen mit motorischen Reaktionen verknüpfen muss. Wer ein Instrument spielt, trainiert somit fortlaufend die Fähigkeit, Wahrnehmung, Denken und Bewegung miteinander zu koordinieren. Diese wiederholte Aktivierung scheint dazu beizutragen, dass die Nervenzellen in diesem Bereich länger leistungsfähig bleiben und altersbedingte Strukturverluste verlangsamt werden.
Musik fordert Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Motorik, Wahrnehmung, emotionale Verarbeitung und Kreativität
Darüber hinaus stellten die Forscher fest, dass die Teilnehmer, die weiterhin musizierten, eine höhere Aktivität in größeren Bereichen beider Kleinhirnhälften aufwiesen. Das Kleinhirn wurde lange Zeit hauptsächlich mit Gleichgewicht und Bewegungskoordination in Verbindung gebracht. Heute weiß man jedoch, dass es auch eine wichtige Rolle bei Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Sprachverarbeitung und komplexen Denkprozessen spielt. Beim Spielen eines Instruments muss das Kleinhirn fortlaufend Bewegungen verfeinern, den Rhythmus kontrollieren, die zeitliche Abstimmung optimieren und Fehler in Echtzeit korrigieren. Gleichzeitig verarbeitet es sensorische Rückmeldungen über Gehör, Berührung und Bewegung. Durch diese intensive Beanspruchung entsteht ein außergewöhnlich anspruchsvolles Training für neuronale Netzwerke, das weit über reine Motorik hinausgeht.
„Wir waren überrascht festzustellen, dass sich die Auswirkungen auf das Gehirn älterer Menschen, die mit dem Musizieren beginnen und es fortsetzen, ebenfalls auf diese beiden Bereiche des Gehirns konzentrierten und dass dies ein wirksames Mittel zur Vorbeugung altersbedingter Leistungsabnahme ist“, erklärt der korrespondierende Autor Kaoru Sekiyama. Die Aussage ist aus wissenschaftlicher Sicht besonders interessant, weil sowohl das Putamen als auch das Kleinhirn zu den Hirnregionen gehören, die im Alter häufig an Volumen und Aktivität verlieren. Dass sich die positiven Effekte des Musizierens gerade dort zeigen, deutet darauf hin, dass musikalisches Training gezielt jene neuronalen Systeme stimuliert, die für Gedächtnis, Lernen und koordinierte Handlungen von zentraler Bedeutung sind.
Musik stellt dabei eine einzigartige Form geistiger Aktivität dar, weil sie gleichzeitig mehrere Gehirnfunktionen fordert: Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Motorik, Wahrnehmung, emotionale Verarbeitung und Kreativität. Während viele andere Freizeitaktivitäten nur einzelne Bereiche beanspruchen, aktiviert Musizieren nahezu das gesamte Gehirn in einem eng vernetzten Zusammenspiel. Neurowissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung und Übung anzupassen und neue neuronale Verbindungen zu bilden. Das Erlernen eines Instruments gehört zu den komplexesten Trainingsformen überhaupt, da ständig neue Bewegungsmuster gelernt, gespeichert und verfeinert werden müssen. Gleichzeitig erzeugt Musik häufig positive Emotionen und aktiviert das Belohnungssystem des Gehirns, wodurch unter anderem die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin gefördert wird. Dieses Zusammenspiel aus geistiger Herausforderung, sensorischer Stimulation, motorischer Aktivität und emotionaler Beteiligung könnte erklären, warum Musizieren besonders wirksam dabei ist, altersbedingte kognitive Veränderungen abzuschwächen und die Gesundheit des Gehirns langfristig zu unterstützen.
Musik als Mittel für ein gesundes Altern des Gehirns
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Erlernen und das fortgesetzte Spielen eines Musikinstruments dazu beitragen können, einige der mit dem normalen Alterungsprozess verbundenen kognitiven Veränderungen zu verzögern oder abzuschwächen. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Menschen auch dann davon profitieren können, wenn sie erst im späteren Leben mit dem Lernen beginnen. „Es ist nie zu spät, mit dem Spielen eines Instruments anzufangen, und der Einstieg im hohen Alter kann erhebliche Vorteile mit sich bringen.“ Sekiyama merkte zudem an, dass Musik besonders wertvoll für Menschen sein kann, denen körperliche Bewegung schwerfällt. „Für diejenigen, die aufgrund von körperlichen Schmerzen oder anderen Problemen Schwierigkeiten haben, sich körperlich zu betätigen, kann das Spielen eines Musikinstruments eine großartige Alternative sein. Wie schön, dass das Musizieren einen so positiven Einfluss auf das Gehirn und die kognitiven Funktionen hat!“, sagte Sekiyama.

Ähnliche Ergebnisse zeigten auch frühere Forschungen, die von Experten der Universität Exeter veröffentlicht wurden und nahe legen, dass die lebenslange Beschäftigung mit Musik in Zusammenhang mit einer besseren Gehirngesundheit im Alter steht. Wissenschaftler, die an PROTECT arbeiteten – einer Online-Studie für Menschen ab 40 Jahren –, werteten Daten von mehr als tausend Erwachsenen über 40 aus, um die Auswirkungen des Musizierens – oder des Singens in einem Chor – auf die Gehirngesundheit zu untersuchen. Über 25.000 Menschen haben sich für die PROTECT-Studie angemeldet, die seit vielen Jahren läuft. Das Team untersuchte die musikalische Erfahrung der Teilnehmer und ihren lebenslangen Kontakt mit Musik sowie die Ergebnisse kognitiver Tests, um festzustellen, ob Musikalität dazu beiträgt, das Gehirn im Alter fit zu halten.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Spielen eines Musikinstruments, insbesondere des Klaviers, mit einem verbesserten Gedächtnis und der Fähigkeit zur Lösung komplexer Aufgaben – der sogenannten exekutiven Funktion – in Verbindung steht. Das Spielen bis ins hohe Alter bietet sogar noch größere Vorteile. Die Studie weist zudem darauf hin, dass auch Singen mit einer besseren Gehirngesundheit verbunden ist, obwohl dies auch auf die sozialen Faktoren zurückzuführen sein könnte, die mit der Teilnahme an einem Chor oder einer Gruppe einhergehen. Es gibt zahlreiche Belege für den Nutzen von musikalischen Gruppenaktivitäten für Menschen mit Demenz, und dieser Ansatz könnte als Teil eines Pakets für gesundes Altern bei älteren Erwachsenen ausgeweitet werden, um ihnen zu ermöglichen, ihr Risiko proaktiv zu senken und die Gehirngesundheit optimal zu fördern.
