Bewegung wird häufig als Erstbehandlung für viele Formen von Arthrose empfohlen. Allerdings gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass diese Vorteile möglicherweise nicht so bedeutend und nachhaltig sind, wie bisher angenommen. Obwohl Bewegung in vielen systematischen Übersichtsarbeiten untersucht wurde, gab es bisher keine einzige Analyse, die alle verfügbaren Belege direkt mit Placebo, Standardbehandlung, Nichtbehandlung, Medikamenten, anderen Therapien oder Operationen verglichen hat.
Eine umfassende (übergreifende) systematische Überprüfung und gepoolte Analyse, die in der Open-Access-Zeitschrift RMD Open veröffentlicht wurde, legt nahe, dass Bewegungstherapie nur eine minimale und kurzzeitige Linderung der Symptome von Arthrose bewirken kann. In einigen Fällen unterscheiden sich die Vorteile kaum von denen einer Nichtbehandlung. Die Forscher sagen, dass diese Ergebnisse die gängige Praxis in Frage stellen, Bewegung als Erstbehandlung zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Mobilität bei Menschen mit dieser degenerativen Gelenkerkrankung zu empfehlen. Sie argumentieren auch, dass es an der Zeit sein könnte, die Forschungsschwerpunkte in diesem Bereich zu überdenken.
Arthrose entwickelt sich oft schleichend
Arthrose ist eine chronische Gelenkerkrankung, bei der der Gelenkknorpel allmählich abgebaut wird und die betroffenen Gelenke steifer und schmerzhafter werden. Normalerweise wirkt der Knorpel wie ein Polster und Stoßdämpfer zwischen den Knochen, sodass Bewegungen reibungslos ablaufen. Bei Arthrose wird dieser Knorpel dünner, verliert seine Elastizität und kann Risse bilden. Gleichzeitig verändert sich oft auch die Gelenkflüssigkeit, die die Gelenke schmiert, und die Knochen reagieren mit Verdickungen oder sogenannten Osteophyten. Die Folgen sind Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und im Verlauf eine zunehmende Gelenkdeformierung.

Die Entstehung von Arthrose ist meist multifaktoriell. Häufige Ursachen sind natürlicher Verschleiß im Alter, Überlastung durch Übergewicht oder intensive körperliche Belastung, Gelenkverletzungen, Fehlstellungen oder genetische Faktoren, die die Knorpelstabilität beeinträchtigen. Auch entzündliche Prozesse können den Knorpelabbau beschleunigen.
Das Risiko, an Arthrose zu erkranken, steigt mit dem Alter deutlich an. Meist treten erste Beschwerden ab dem 40. bis 50. Lebensjahr auf, wobei Frauen nach den Wechseljahren besonders häufig betroffen sind. Ab dem 60. Lebensjahr steigt die Prävalenz deutlich, sodass viele ältere Menschen zumindest leichte Veränderungen in den Gelenken aufweisen. Dennoch können Arthrose und ihre Beschwerden auch bei jüngeren Menschen auftreten, insbesondere nach Verletzungen oder bei starker Belastung bestimmter Gelenke wie Knie oder Hüfte.
Groß angelegte Analyse mit Tausenden von Patienten
Um diese Lücke zu schließen, durchsuchte das Team Forschungsdatenbanken nach systematischen Übersichtsarbeiten und randomisierten klinischen Studien, die bis November 2025 veröffentlicht wurden. Ihre abschließende Analyse umfasste 5 Übersichtsarbeiten mit 8631 Teilnehmern und 28 randomisierten klinischen Studien mit 4360 Teilnehmern mit Knie- oder Hüftarthrose (23), Handarthrose (3) und Sprunggelenksarthrose (2).
Bei der Zusammenfassung der Ergebnisse zeigte sich, dass Bewegung im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung nur zu einer geringen und kurzzeitigen Linderung der Schmerzen bei Kniearthrose führte. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Gesamtgewissheit dieser Evidenz sehr gering war. In größeren Studien und solchen, in denen die Patienten über einen längeren Zeitraum beobachtet wurden, schienen die Vorteile sogar noch geringer zu sein. Bei Hüftarthrose deuteten die Evidenz von mittlerer Gewissheit auf eine vernachlässigbare Verbesserung hin. Bei Handarthrose deuteten die Daten auf geringe Effekte hin.
Wie Bewegung im Vergleich zu anderen Behandlungen abschneidet
Die Übersichtsarbeit ergab auch, dass Bewegung im Allgemeinen etwa die gleiche Wirkung hatte wie Patientenaufklärung, manuelle Therapie, Schmerzmittel, Steroid- oder Hyaluronsäure-Injektionen und Knie-Schlüssellochoperationen (Arthroskopie), obwohl die Sicherheit der Evidenz variierte. In einigen einzelnen Studien, die sich auf bestimmte Patientengruppen konzentrierten, war Bewegung langfristig weniger wirksam als eine Knie-Knochenumformungsoperation (Osteotomie) oder ein Gelenkersatz.
Die Autoren räumen gewisse Einschränkungen ein. Sie haben bestimmte Übersichtsarbeiten für die Aufnahme priorisiert, was bedeutet, dass einige relevante Studien möglicherweise nicht Teil der Hauptanalyse waren. Als sie jedoch die Effektgrößen aus diesen anderen Übersichtsarbeiten untersuchten, waren die Ergebnisse ähnlich.
Sie weisen auch darauf hin, dass viele Studien keine direkten Vergleiche enthielten, die Teilnehmer sich hinsichtlich der Schwere ihrer Symptome stark unterschieden und einige Studien zusätzliche Behandlungen neben dem Training zuließen.
Überdenken der Erstbehandlung bei Gelenkschmerzen
Trotz dieser Vorbehalte kommen die Forscher zu folgendem Schluss: „Wir fanden weitgehend nicht schlüssige Belege für die Wirksamkeit von Bewegung bei Arthrose, was darauf hindeutet, dass die Auswirkungen auf Schmerzen und Funktion bei verschiedenen Arten von Arthrose im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung vernachlässigbar oder bestenfalls von kurzer Dauer sind. Diese Auswirkungen scheinen in größeren und längerfristigen Studien weniger ausgeprägt zu sein.

Unsere Ergebnisse stellen die allgemeine Förderung der Bewegungstherapie als alleinigen Schwerpunkt der Erstbehandlung zur Verbesserung der Schmerzen und der körperlichen Funktion bei allen Patienten mit Arthrose in Frage.“ Gleichzeitig betonen sie, dass Bewegung über die Linderung von Gelenkschmerzen hinaus weitere gesundheitliche Vorteile bietet und manche Patienten sie dennoch bevorzugen könnten. Auch wenn Bewegung bei Arthrose nicht immer deutlich die Schmerzen oder Gelenkfunktion verbessert, bietet sie trotzdem zahlreiche weitere gesundheitliche Vorteile, die über das betroffene Gelenk hinausgehen:
- Stärkung von Herz und Kreislauf: Regelmäßige Bewegung senkt Blutdruck, verbessert die Durchblutung und reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
- Muskelaufbau und Stabilität: Stärkere Muskeln entlasten Gelenke, verbessern Balance und verringern das Sturzrisiko, insbesondere bei älteren Menschen.
- Gewichtsmanagement: Aktivität hilft, Gewicht zu halten oder abzubauen, was besonders die Belastung von Knie und Hüfte reduziert.
- Stoffwechsel und Blutzucker: Bewegung unterstützt einen gesunden Stoffwechsel, senkt das Risiko für Diabetes und fördert den Fettabbau.
- Mentale Gesundheit: Körperliche Aktivität reduziert Stress, verbessert Stimmung und Schlafqualität und kann Depressionen vorbeugen.
- Allgemeine Mobilität und Lebensqualität: Bewegung hält Gelenke beweglich, steigert die Ausdauer und trägt zu einem aktiveren Alltag bei.
Ärzte und Patienten sollten gemeinsam Entscheidungen treffen und dabei die Wirksamkeit von Bewegung auf Schmerzen und Funktion neben sekundären gesundheitlichen Vorteilen, Sicherheit, geringen Kosten, Behandlungsstadium und alternativen Behandlungsoptionen abwägen, raten die Forscher.
Fazit
Bei Arthrose lässt sich der Gelenkverschleiß selbst kaum rückgängig machen, daher zielt die Behandlung vor allem darauf ab, Schmerzen zu lindern und die Funktion zu erhalten. Dazu gehören Medikamente gegen Schmerz und Entzündung, gezielte Physiotherapie zur Stabilisierung der Muskulatur, orthopädische Hilfsmittel wie Bandagen oder Einlagen sowie Gewichtsreduktion zur Entlastung der Gelenke. In fortgeschrittenen Fällen können Gelenkinjektionen oder ein Gelenkersatz notwendig sein. Ergänzend können Wärme- oder Kältetherapie, Massage und Entspannungstechniken die Beschwerden verringern.


