Neutrophile, eine Art weißer Blutkörperchen, die im Blutkreislauf zirkulieren, gehören zu den ersten Abwehrkräften des Körpers bei Infektionen und Entzündungen. Wenn das Immunsystem aktiviert wird, kann ihre Anzahl schnell ansteigen, wodurch sich das Gleichgewicht zwischen Neutrophilen und anderen Immunzellen verändert. Ärzte können dieses Gleichgewicht anhand eines Standard-Laborwerts messen, der als Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis (NLR) bezeichnet wird. Dieser Wert wird routinemäßig aus einem großen Blutbild ermittelt, einem gängigen Test zur Erkennung von Infektionen und zur Beurteilung der Immungesundheit. Neue Forschungsergebnisse von NYU Langone Health deuten darauf hin, dass diese einfache Messung mehr leisten könnte, als nur den aktuellen Krankheitszustand widerzuspiegeln. Sie könnte auch dazu beitragen, Personen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Alzheimer und verwandten Demenzerkrankungen zu identifizieren, noch bevor Symptome auftreten. Die Studie untersuchte NLR-Daten von fast 400.000 Patienten aus zwei großen Gesundheitssystemen.
Großstudie bringt Immunzellen mit Demenzrisiko in Verbindung
„Unsere Studie ist die erste groß angelegte Untersuchung, die zeigt, dass Neutrophilen-Werte mit einem erhöhten Demenzrisiko beim Menschen assoziiert sind“, sagte der Erstautor der Studie, Dr. Tianshe (Mark) He, Datenwissenschaftler in der Abteilung für Psychiatrie an der NYU Grossman School of Medicine. „Ein Anstieg der Neutrophilen tritt bereits vor jeglichen Anzeichen eines kognitiven Abbaus auf, was ein überzeugendes Argument dafür liefert, zu untersuchen, ob Neutrophile aktiv zum Fortschreiten der Krankheit beitragen.“ Dr. He und der Co-Seniorautor Jaime Ramos-Cejudo, PhD, Assistenzprofessor an den Abteilungen für Psychiatrie und Neurologie der NYU Grossman School of Medicine, sind beide dem Cooperative Studies Program des VA Boston Healthcare System angegliedert.

Die in „Alzheimer’s & Dementia“ veröffentlichte Studie umfasste Daten von etwa 285.000 Patienten, die in vier Krankenhäusern der NYU Langone behandelt wurden, sowie von rund 85.000 Personen aus der Veteran’s Health Administration. Um die Genauigkeit zu gewährleisten, verwendete das Team die früheste qualifizierte NLR-Messung jedes Patienten. Diese Messwerte mussten in den Untersuchungszeitraum fallen, zu einem Zeitpunkt erhoben worden sein, als die Patienten mindestens 55 Jahre alt waren, und vor einer Diagnose von Alzheimer oder Demenz liegen. Die Forscher verfolgten anschließend, ob diese Personen im Laufe des Untersuchungszeitraums eine Demenz entwickelten.
Erhöhtes NLR mit kurz- und langfristigem Risiko verbunden
In beiden Gruppen waren höhere NLR-Werte durchweg mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden, an Alzheimer oder anderen Formen von Demenz zu erkranken. Dieser Zusammenhang galt sowohl für das kurzfristige als auch für das langfristige Risiko. Die Forscher definierten ein „hohes“ NLR anhand des Medianwerts, was bedeutet, dass die Hälfte der Teilnehmer höhere Werte und die andere Hälfte niedrigere Werte aufwies.
Die Analyse ergab zudem Unterschiede zwischen den Untergruppen. Bei hispanischen Patienten zeigte sich ein stärkerer Zusammenhang zwischen einem erhöhten NLR und dem Demenzrisiko, wobei unklar bleibt, ob dies auf genetische Einflüsse oder soziale Faktoren wie Unterschiede beim Zugang zur medizinischen Versorgung zurückzuführen ist. Auch bei Frauen in beiden Gesundheitssystemen war ein erhöhtes NLR mit einem höheren Risiko verbunden.
Laut Dr. Ramos-Cejudo sind die Ergebnisse aus zwei Hauptgründen wichtig. Für sich genommen ist ein hoher NLR-Wert wahrscheinlich kein definitiver Prädiktor für Demenz. In Kombination mit anderen bekannten Risikofaktoren könnte er jedoch dabei helfen, Personen zu identifizieren, die von einer engeren Überwachung, zusätzlichen Tests oder frühzeitigen Interventionen profitieren könnten, bevor kognitive Symptome auftreten. Die Ergebnisse stützen zudem die wachsende Evidenz, dass Neutrophile eine aktivere Rolle im Krankheitsprozess selbst spielen könnten.
Könnten Immunzellen das Fortschreiten von Alzheimer vorantreiben?
Neutrophile gehören zu den ersten Abwehrzellen des Immunsystems und sind normalerweise dafür zuständig, Infektionen schnell zu bekämpfen und geschädigtes Gewebe zu reparieren. Unter bestimmten Bedingungen können sie jedoch eine übermäßige oder fehlgeleitete Entzündungsreaktion auslösen. Im Kontext der Alzheimer-Krankheit gibt es Hinweise darauf, dass Neutrophile ins Gehirn einwandern und dort entzündliche Prozesse verstärken könnten. Solche durch Neutrophile ausgelösten Entzündungsreaktionen wurden sowohl im Hirngewebe als auch in den Blutgefäßen von Betroffenen beobachtet. Tiermodelle legen zudem nahe, dass diese Zellen zur Verschlechterung der Krankheit beitragen könnten, etwa indem sie die Durchblutung beeinträchtigen oder Nervenzellen indirekt schädigen.

Das Altern spielt dabei vermutlich eine zusätzliche Rolle: Mit zunehmendem Alter verändert sich die Regulation des Immunsystems, einschließlich der Mechanismen, die alte oder überaktive Neutrophile abbauen. Wenn dieser „Aufräumprozess“ gestört ist, könnten sich mehr dysfunktionale Neutrophile ansammeln, was wiederum chronische Entzündungen und Gewebeschäden begünstigt – ein möglicher Verstärker für neurodegenerative Prozesse. Trotz dieser Hinweise betonen Forschende, dass ein klarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bislang nicht bewiesen ist. Es ist also noch unklar, ob Neutrophile aktiv zur Krankheitsentstehung beitragen oder eher eine Begleiterscheinung der bereits laufenden Schädigungsprozesse sind. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Neutrophile nur eine sehr kurze Lebensdauer haben und deshalb direkt aus frischen Blutproben untersucht werden müssen. Das erschwert langfristige Studien und die genaue Analyse ihrer Rolle im Krankheitsverlauf erheblich. Insgesamt deutet die aktuelle Forschung darauf hin, dass Neutrophile ein potenziell wichtiger, aber noch nicht vollständig verstandener Faktor in der Alzheimer-Pathologie sind – mit möglicher Relevanz für zukünftige Therapieansätze.
Laufende Forschung zu Diagnose und Behandlung
Die laufende Forschung versucht derzeit, die Rolle von Neutrophilen bei der Alzheimer-Krankheit deutlich präziser einzuordnen – insbesondere mit Blick auf Diagnose und mögliche Therapieansätze. Dr. Ramos-Cejudo und sein Team am VIDA-Labor (Labor für vaskuläre und immunologische Dysfunktion bei Alterung und Alzheimer) verfolgen dabei einen integrativen Ansatz: Sie kombinieren immunologische Messungen der Neutrophilenaktivität mit moderner Hirnbildgebung wie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Diffusions-Magnetresonanztomographie sowie detaillierten kognitiven Tests. Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen Entzündungsprozessen, strukturellen Veränderungen im Gehirn und dem tatsächlichen kognitiven Abbau herzustellen. Ein besonders interessanter Aspekt dieser Forschung ist die Frage, ob Neutrophile lediglich als Biomarker fungieren – also als messbare Hinweise auf bereits laufende Krankheitsprozesse – oder ob sie aktiv zur Verschlechterung beitragen. Sollte sich Letzteres bestätigen, könnten sie ein attraktives Ziel für neue Therapien werden, etwa durch Medikamente, die ihre Aktivität regulieren oder ihre schädlichen Effekte im Gehirn begrenzen.
Parallel dazu gewinnt das sogenannte Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis (NLR) an Bedeutung. Dieses Verhältnis, das sich relativ einfach aus Blutproben bestimmen lässt, könnte sich als kostengünstiges und leicht zugängliches Diagnoseinstrument etablieren. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass ein verändertes NLR mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen in Verbindung stehen könnte. In Zukunft könnte es daher helfen, Personen mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu identifizieren – möglicherweise lange bevor klinisch erkennbare Symptome auftreten. Das würde die Tür für frühzeitige Interventionen öffnen, sei es durch Lebensstilmaßnahmen oder durch gezielte medizinische Therapien. Dennoch bleibt auch hier Vorsicht geboten: Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, aber noch nicht ausreichend, um klare klinische Empfehlungen abzuleiten. Größere, langfristige Studien sind notwendig, um zu klären, wie zuverlässig diese Marker tatsächlich sind und ob Eingriffe in die Neutrophilenfunktion den Krankheitsverlauf messbar verbessern können.

