Wissenschaftler haben einen neuen Weg entdeckt, die Muskelkraft zu steigern, ohne die gefährlichen Nebenwirkungen herkömmlicher Androgene. Ein starkes männliches Hormon namens 5α-DHT fördert normalerweise die Knochendichte und das Muskelwachstum, kann aber auch Probleme wie Prostatakrebs begünstigen. Nun haben Forscher gezeigt, dass die Aktivierung eines Rezeptors namens GPR133 mit einer speziell entwickelten Verbindung, AP503, die Muskelkraft steigern kann, ohne diese schädlichen Risiken mit sich zu bringen.
Androgene und ihre Wirkung: Die zentrale Rolle von 5α-DHT im Körper
Androgene sind eine Gruppe von Steroidhormonen, die eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Aufrechterhaltung männlicher Geschlechtsmerkmale spielen, wobei sie auch im weiblichen Körper in geringeren Mengen vorkommen und dort wichtige Funktionen erfüllen. Zu den bedeutendsten Androgenen gehört das Testosteron, aus dem in bestimmten Geweben durch enzymatische Umwandlung das noch wirksamere Hormon 5α-Dihydrotestosteron (5α-DHT) entsteht. Dieses Hormon besitzt eine besonders hohe Affinität zu Androgenrezeptoren und entfaltet dadurch eine stärkere biologische Wirkung als Testosteron selbst.
5α-DHT ist von entscheidender Bedeutung für zahlreiche Prozesse im menschlichen Körper, insbesondere während der embryonalen Entwicklung und der Pubertät. Bereits im frühen Entwicklungsstadium steuert es die Ausbildung der männlichen äußeren Geschlechtsorgane. In der Pubertät übernimmt es dann eine Schlüsselrolle bei der Ausprägung der sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmale. Dazu zählen unter anderem das Wachstum von Bart- und Körperbehaarung, die Veränderung der Stimme durch Vergrößerung des Kehlkopfes sowie die verstärkte Aktivität der Talgdrüsen. Diese Veränderungen sind charakteristisch für die männliche körperliche Entwicklung und werden maßgeblich durch die Wirkung von 5α-DHT beeinflusst.
Darüber hinaus spielt 5α-DHT eine wichtige Rolle im Bereich des Bewegungsapparates. Es wirkt als anaboles Hormon, das den Aufbau und die Erhaltung von Muskelmasse fördert. Durch die Aktivierung spezifischer Rezeptoren in den Muskelzellen stimuliert es die Proteinsynthese, was zu einer Zunahme der Muskelgröße und -kraft führt. Gleichzeitig beeinflusst es den Knochenstoffwechsel positiv, indem es die Knochenmineraldichte erhöht. Dies geschieht unter anderem durch die Förderung der Aktivität von Osteoblasten, also jener Zellen, die für den Knochenaufbau verantwortlich sind. Eine höhere Knochenmineraldichte trägt zur Stabilität des Skeletts bei und verringert das Risiko von Knochenbrüchen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass 5α-Dihydrotestosteron eine zentrale treibende Kraft für die körperliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit darstellt. Es verbindet die Ausbildung typisch männlicher Merkmale mit essenziellen Funktionen im Muskel- und Knochenstoffwechsel. Gleichzeitig ist seine Wirkung fein reguliert, da sowohl ein Mangel als auch ein Überschuss an Androgenen zu gesundheitlichen Problemen führen können, wie etwa Entwicklungsstörungen oder Erkrankungen der Prostata und der Haut.
Steigerung der Muskelkraft bei deutlich geringeren negativen Auswirkungen von Androgenen
In dieser internationalen Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass einer der G-Protein-gekoppelten Adhäsionsrezeptoren – GPR133 – durch das androgene Steroidhormon 5α-DHT aktiviert wird. „Diese Aktivierung kann unter anderem die Kontraktionskraft der Skelettmuskulatur erhöhen, und unsere Studie nutzt zudem einen neu entwickelten, potenten Aktivator dieses Rezeptors, um diesen Effekt gezielt auszulösen“, sagte Professorin Ines Liebscher, Professorin für Signaltransduktion an der Universität Leipzig und Co-Leiterin der Studie.
Die Studie beschreibt im Kern einen neuen, spannenden Ansatz, wie man Muskelkraft steigern könnte – ohne die typischen Nebenwirkungen klassischer Androgene in Kauf nehmen zu müssen. Zunächst geht es um einen speziellen Rezeptor im Körper, den sogenannten GPR133. Dieser gehört zur Familie der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, die wie „Schalter“ in der Zellmembran funktionieren: Wenn ein passender Botenstoff (Ligand) bindet, wird im Inneren der Zelle eine Signalkette ausgelöst. Normalerweise wird dieser Rezeptor unter anderem durch das Androgen 5α-Dihydrotestosteron aktiviert. Die Forschenden konnten zeigen, dass diese Aktivierung direkte Auswirkungen auf die Skelettmuskulatur hat. Vereinfacht gesagt: Wenn GPR133 aktiviert wird, werden Prozesse in den Muskelzellen angestoßen, die dazu führen, dass sich die Muskeln stärker zusammenziehen können. Das bedeutet eine höhere Muskelkraft – nicht unbedingt mehr Muskelmasse, sondern vor allem eine verbesserte Leistungsfähigkeit der vorhandenen Muskulatur.
Der entscheidende Fortschritt der Studie liegt jedoch darin, dass nicht nur das natürliche Hormon diesen Rezeptor aktivieren kann. Die Wissenschaftler haben eine neue Substanz entwickelt, einen sogenannten Agonisten mit dem Namen AP503. Ein Agonist ist ein Stoff, der gezielt einen Rezeptor einschaltet – ähnlich wie ein Schlüssel, der ein Schloss öffnet. Der Vorteil von AP503 ist, dass er sehr gezielt wirkt. Während klassische Androgene wie Testosteron im ganzen Körper aktiv sind und viele unterschiedliche Organe beeinflussen, scheint AP503 hauptsächlich den gewünschten Effekt – die Steigerung der Muskelkraft – auszulösen, ohne bestimmte unerwünschte Nebenwirkungen hervorzurufen. Ein bekanntes Problem bei Androgenen ist zum Beispiel, dass eine langfristig erhöhte Konzentration das Risiko für Prostatakrebs erhöhen kann. In Tierversuchen zeigte sich, dass solche schädlichen Veränderungen in der Prostata bei der Behandlung mit AP503 bisher nicht auftraten.
Ein weiterer wichtiger Teil der Studie betrifft die sogenannte Strukturbiologie. Dabei untersuchen Forschende auf molekularer Ebene, wie genau ein Stoff wie AP503 oder auch 5α-DHT an den Rezeptor bindet. Man kann sich das wie ein 3D-Puzzle vorstellen: Nur wenn die Form des Moleküls genau zum Rezeptor passt, wird dieser aktiviert. Durch dieses Verständnis können Wissenschaftler den Wirkstoff gezielt verbessern, sodass er noch wirksamer und gleichzeitig sicherer wird. Langfristig eröffnet diese Forschung die Möglichkeit, neue Medikamente zu entwickeln, die gezielt die Muskelkraft steigern – etwa für ältere Menschen, Patienten mit Muskelschwäche oder bestimmten Erkrankungen – ohne die typischen hormonellen Nebenwirkungen klassischer Androgen-Therapien.

