Retinol-Cremes mögen im Kampf gegen sichtbare Zeichen der Hautalterung zwar die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, doch Forscher der Edith Cowan University (ECU) haben auf eine weitaus größere und abenteuerlichere Möglichkeit hingewiesen: das Reisen. In einer 2024 im Journal of Travel Research veröffentlichten interdisziplinären Studie wandten die ECU-Forscher die Entropietheorie auf den Tourismus an und stellten die These auf, dass positive Reiseerlebnisse die körperliche und geistige Gesundheit auf eine Weise fördern können, die dazu beiträgt, einige Zeichen des Alterns zu verlangsamen. Die Arbeit suggeriert nicht, dass Reisen das Altern aufhalten kann, sondern betrachtet Tourismus als mehr als nur eine Auszeit vom Alltag. Er kann eine Möglichkeit sein, dem Körper dabei zu helfen, sein Gleichgewicht, seine Widerstandsfähigkeit und seine Regenerationsfähigkeit zu erhalten.
Wie Reisen das Altern beeinflussen könnte
Die Frage, wie Reisen das Altern beeinflussen kann, lässt sich aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven betrachten und verbindet Erkenntnisse aus Biologie, Psychologie und Gesundheitsforschung. Ausgangspunkt ist dabei häufig das Konzept der Entropie, das oft als die Tendenz des Universums zur Unordnung beschrieben wird. Im Zusammenhang mit der Gesundheit gehen Forschende davon aus, dass Erfahrungen die Fähigkeit des Körpers, organisiert zu bleiben und gut zu funktionieren, entweder unterstützen oder beeinträchtigen können. In diesem Sinne können positive Reiseerfahrungen dazu beitragen, dieser Tendenz zur Unordnung entgegenzuwirken, während stressige oder unsichere Reisen den Körper in die entgegengesetzte Richtung treiben können. Gleichzeitig gilt, dass das Altern als Prozess unumkehrbar ist: Es lässt sich nicht aufhalten, aber in seiner Geschwindigkeit beeinflussen.
Reisen kann dabei als ein potenziell regulierender Faktor verstanden werden, der auf mehreren Ebenen ansetzt. Laut der ECU-Doktorandin Fangli Hu kann Reisen das Wohlbefinden verbessern, indem es Menschen in neue Umgebungen versetzt, Bewegung fördert, soziale Interaktion verstärkt und positive Emotionen weckt. Diese Aspekte greifen ineinander und entfalten sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene Wirkung. Auf biologischer Ebene spielt insbesondere die Reduktion von Stress eine zentrale Rolle. Chronischer Stress führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Hormonen wie Cortisol, die langfristig entzündliche Prozesse fördern und die Zellalterung beschleunigen können. Positive Reiseerlebnisse hingegen gehen häufig mit Entspannung, Freude und einem Gefühl der Distanz zum Alltag einher, was das Stressniveau senken und damit schützende Effekte für den Organismus entfalten kann.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die körperliche Aktivität, die mit vielen Formen des Reisens verbunden ist. Ob beim Erkunden einer Stadt, beim Wandern in der Natur oder bei anderen Aktivitäten – Bewegung unterstützt das Herz-Kreislauf-System, verbessert den Stoffwechsel und trägt zur allgemeinen körperlichen Fitness bei. Gleichzeitig wird das Gehirn durch neue Eindrücke, ungewohnte Situationen und kulturelle Erfahrungen stimuliert. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Neuroplastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und neue neuronale Verbindungen zu bilden. Eine gut erhaltene Neuroplastizität wird mit einer höheren kognitiven Leistungsfähigkeit und einer geringeren Anfälligkeit für altersbedingte kognitive Einschränkungen in Verbindung gebracht.
Neben den biologischen Effekten spielen auch psychologische und soziale Faktoren eine entscheidende Rolle. Reisen kann positive Emotionen wie Freude, Neugier und Inspiration hervorrufen und dadurch das allgemeine Wohlbefinden steigern. Gleichzeitig fördert es soziale Interaktionen, sei es durch Begegnungen mit neuen Menschen oder durch intensivere gemeinsame Zeit mit Mitreisenden. Solche sozialen Kontakte sind ein wichtiger Schutzfaktor gegen Einsamkeit und psychische Belastungen. Darüber hinaus kann das Erleben neuer Kulturen und Perspektiven zu einem stärkeren Gefühl von Sinnhaftigkeit und persönlicher Entwicklung beitragen. Diese Zusammenhänge spiegeln sich auch in Konzepten wie Wellness-Tourismus, Gesundheitstourismus oder Yoga-Tourismus wider, die gezielt darauf ausgerichtet sind, Reisen mit gesundheitlichen Vorteilen zu verbinden. In diesem Kontext wird deutlich, dass Tourismus nicht nur der Freizeit und Erholung dient, sondern auch einen aktiven Beitrag zur körperlichen und geistigen Gesundheit leisten kann. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass nicht jede Form des Reisens automatisch gesundheitsfördernd ist. Stressige Reisebedingungen, Zeitdruck, Schlafmangel oder Unsicherheit können den Körper belasten und die positiven Effekte abschwächen oder sogar ins Gegenteil verkehren. Faktoren wie Jetlag oder Reizüberflutung können kurzfristig zu einer erhöhten Stressbelastung führen und damit Prozesse verstärken, die mit beschleunigter Alterung in Verbindung stehen.
Reisetherapie und die Abwehrsysteme des Körpers
Aus entropischer Sicht könnte Reisetherapie zu einer sinnvollen Gesundheitsmaßnahme werden. Die Idee dahinter ist, dass positive Reiseerfahrungen als Teil der Umgebung einer Person dem Körper helfen können, einen gesünderen Zustand mit niedriger Entropie aufrechtzuerhalten, indem sie vier wichtige Körpersysteme beeinflussen. Reisen verbinden oft eine ungewohnte Umgebung mit entspannenden Erlebnissen. Neue Umgebungen können den Körper stimulieren, die Stoffwechselaktivität steigern und dabei helfen, selbstorganisierende Prozesse zu aktivieren, die für einen reibungslosen Ablauf der biologischen Systeme sorgen. Diese Erfahrungen können auch das adaptive Immunsystem anregen, das dem Körper hilft, äußere Bedrohungen zu erkennen und darauf zu reagieren. Frau Hu merkte an, dass diese Reaktion die Fähigkeit des Körpers verbessert, äußere Bedrohungen wahrzunehmen, und sich gegen sie zu verteidigen. „Einfach ausgedrückt: Das Abwehrsystem wird widerstandsfähiger. Hormone, die die Gewebereparatur und -regeneration fördern, können ausgeschüttet werden und die Funktion des Selbstheilungssystems unterstützen.“

Entspannende Reiseaktivitäten können ebenfalls dazu beitragen, chronischen Stress abzubauen und eine überaktive Immunreaktion zu beruhigen. Freizeitaktivitäten können Verspannungen und Ermüdung in Muskeln und Gelenken lindern, das Stoffwechselgleichgewicht unterstützen und die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Abnutzung stärken. Das ist wichtig, da Reisen selten nur aus Stillstehen besteht. Reisen beinhalten oft Spaziergänge durch Städte, Wanderungen, Klettern, Radfahren oder einfach mehr Zeit auf den Beinen als gewöhnlich. Diese körperliche Aktivität kann den Stoffwechsel, den Energieverbrauch und den Nährstofftransport im Körper steigern. All dies kann jene Systeme unterstützen, die den Körper reparieren und widerstandsfähig halten.
Die Teilnahme an diesen Aktivitäten könnte die Immunfunktion und die Selbstverteidigungsfähigkeiten des Körpers verbessern und seine Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Risiken stärken. Körperliche Bewegung kann zudem die Durchblutung verbessern, den Nährstofftransport beschleunigen und die Ausscheidung von Abfallstoffen unterstützen, um gemeinsam ein aktives Selbstheilungssystem aufrechtzuerhalten. Moderate Bewegung ist nicht nur vorteilhaft für Knochen, Muskeln und Gelenke, sondern unterstützt auch das System des Körpers gegen Verschleiß.
Ein Bereich, der sich noch in der Entwicklung befindet
Ein Bereich, der sich noch deutlich in der Entwicklung befindet, ist die sogenannte „Reisetherapie“, also die gezielte Nutzung von Reisen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Seit der Studie von 2024 wurde dieser Ansatz in mehreren neueren Arbeiten weiter aufgegriffen und differenzierter untersucht. Ein Forschungsbericht aus dem Jahr 2025 von Hu und Kollegen beschreibt die Reisetherapie als einen aufkommenden Ansatz, bei dem positive Reiseerfahrungen das Wohlbefinden verbessern können. Gleichzeitig wird jedoch betont, dass eine differenzierte Betrachtung notwendig ist, da potenzielle Vorteile stets gegen mögliche Risiken abgewogen werden müssen. Damit wird deutlich, dass Reisen zwar gesundheitsfördernde Effekte haben kann, diese jedoch nicht automatisch eintreten und stark von individuellen Faktoren sowie der Art des Reisens abhängen.
Diese Entwicklung spiegelt ein wachsendes wissenschaftliches Interesse wider, das sich auch in anderen Studien zeigt. So forderte ein weiterer Artikel aus dem Jahr 2025 eine engere Zusammenarbeit zwischen der Reisemedizin und der Tourismusforschung. Ziel ist es, die Schnittstellen zwischen Urlaub, Gesundheitsrisiken, Prävention und dem allgemeinen Wohlbefinden von Reisenden besser zu verstehen. Gerade in einer globalisierten Welt, in der Mobilität zunimmt, gewinnt dieses Zusammenspiel an Bedeutung. Reisemedizin beschäftigt sich traditionell eher mit Risiken wie Infektionskrankheiten oder Impfprävention, während der Tourismusbereich stärker auf Erholung und Erlebnis fokussiert ist. Die Verbindung beider Perspektiven eröffnet neue Möglichkeiten, Reisen nicht nur sicherer, sondern auch gezielt gesundheitsfördernd zu gestalten.
Auch eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Ergebnis, dass Tourismus und gesundes Altern zunehmend als interdisziplinäres Forschungsfeld verstanden werden. Dieses verbindet unter anderem Aspekte der Public Health, der Psychologie und der Sozialwissenschaften. Gleichzeitig wird jedoch betont, dass die vorhandene Studienlage noch begrenzt ist. Viele Untersuchungen basieren auf kleinen Stichproben oder kurzfristigen Beobachtungen, sodass langfristige Effekte von Reisen auf Alterungsprozesse bislang nicht eindeutig belegt sind. Es besteht daher Bedarf an robusteren Forschungsmethoden, etwa Langzeitstudien oder standardisierten Messverfahren, um die tatsächlichen Auswirkungen besser quantifizieren zu können.
Vor dem Hintergrund dieser noch offenen Fragen ist eine vorsichtige Interpretation der bisherigen Erkenntnisse sinnvoll. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Reisen reale gesundheitliche Vorteile bieten kann, insbesondere wenn es mit Bewegung, sozialen Kontakten, neuen Erfahrungen und ausreichender Erholung verbunden ist. Diese Faktoren wirken sich positiv auf zentrale Prozesse wie Stressregulation, psychisches Wohlbefinden und sogar auf biologische Mechanismen wie die Zellalterung aus. Gleichzeitig bleibt unklar, wie stark diese Effekte im Vergleich zu anderen gesundheitsfördernden Maßnahmen sind und welche Personengruppen am meisten davon profitieren. So könnten beispielsweise Alter, Gesundheitszustand, Reiseform oder soziale Einbindung eine entscheidende Rolle spielen.
Die Risiken hinter den Vorteilen
Dieselbe Studie warnt auch davor, dass Reisen nicht automatisch gesund ist. Touristen können mit Infektionskrankheiten, Unfällen, Verletzungen, Gewalt, unsicheren Lebensmitteln oder Wasser sowie anderen Risiken konfrontiert werden, die mit schlechter Planung oder ungeeigneten Reiseentscheidungen zusammenhängen. Umgekehrt kann Tourismus negative Erfahrungen mit sich bringen, die potenziell zu Gesundheitsproblemen führen und dem Prozess der Förderung einer Entropiezunahme entsprechen. Ein prominentes Beispiel ist die COVID-19-Gesundheitskrise.
Die zentrale Botschaft lautet nicht, dass jede Reise das Altern verlangsamt. Vielmehr können positive Reiseerlebnisse dazu beitragen, dass Körper und Geist besser funktionieren, indem sie Neuheit, Entspannung, körperliche Aktivität und soziale Kontakte miteinander verbinden. Wenn Reisen sicher, erholsam und aktiv sind, können sie mehr bewirken als nur Erinnerungen zu schaffen. Sie könnten dazu beitragen, ein gesünderes Altern von innen heraus zu unterstützen.



