Frauen sind nicht nur häufiger von Alzheimer und anderen Formen der Demenz betroffen, neue Forschungsergebnisse deuten auch darauf hin, dass sie möglicherweise stärker von verschiedenen häufigen Risikofaktoren für kognitiven Verfall betroffen sind. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der University of California in San Diego analysierten Daten von mehr als 17.000 Erwachsenen mittleren Alters und älteren Menschen und stellten fest, dass bestimmte veränderbare Risikofaktoren für Demenz offenbar einen größeren Einfluss auf die kognitiven Funktionen von Frauen haben als auf die von Männern. Die Ergebnisse wurden in Biology of Sex Differences veröffentlicht.
„Über die Frage hinaus, welche Risikofaktoren am häufigsten vorkommen, haben wir festgestellt, dass einige einen unverhältnismäßig größeren Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Frauen haben“, sagte Dr. Megan Fitzhugh, Assistenzprofessorin für Neurowissenschaften an der UC San Diego School of Medicine und Erstautorin der Studie. „Dies deutet darauf hin, dass Präventionsmaßnahmen möglicherweise wirksamer sind, wenn sie nicht nur auf die Häufigkeit der Risikofaktoren zugeschnitten sind, sondern auch darauf, wie stark sich der jeweilige Faktor auf die kognitiven Fähigkeiten von Frauen im Vergleich zu Männern auswirkt.“ Die Forscher sagen, die Ergebnisse könnten helfen zu erklären, warum Frauen fast zwei Drittel der Alzheimer-Fälle in den Vereinigten Staaten ausmachen.
Frauen tragen eine größere Alzheimer-Last

Fast sieben Millionen Amerikaner leben derzeit mit Alzheimer, und Frauen machen die Mehrheit dieser Fälle aus. Auch in Europa sind Frauen deutlich häufiger von Alzheimer und anderen Demenzformen betroffen als Männer. Fachleute sprechen inzwischen von einer „geschlechtsspezifischen Alzheimer-Last“, da Frauen nicht nur häufiger erkranken, sondern oft auch länger mit der Erkrankung leben und zusätzlich einen Großteil der Pflegearbeit übernehmen. Obwohl Frauen im Allgemeinen länger leben als Männer, sagen Wissenschaftler, dass eine längere Lebenserwartung allein diese Diskrepanz nicht vollständig erklärt.
Forscher untersuchen zunehmend, wie biologische, soziale und lebensstilbezogene Faktoren zusammenwirken, um das Demenzrisiko bei Frauen und Männern unterschiedlich zu beeinflussen. Viele dieser Faktoren lassen sich potenziell durch medizinische Versorgung oder Anpassungen des Lebensstils verändern. Für die neue Studie untersuchten Fitzhugh und die leitende Autorin Judy Pa, PhD, Professorin für Neurowissenschaften an der UC San Diego School of Medicine, 13 etablierte Demenzrisikofaktoren anhand von Daten aus der „Health and Retirement Study“, einer national repräsentativen Gruppe von US-amerikanischen Erwachsenen im mittleren bis höheren Lebensalter. Zu den Faktoren gehörten Bildungsniveau, Hörverlust, Rauchen, Alkoholkonsum, Adipositas, Depressionen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Diabetes und andere kardiometabolische Erkrankungen.
Wichtige Demenzrisiken wirken sich auf Frauen und Männer unterschiedlich aus
Die Analyse deckte mehrere bemerkenswerte Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf. Frauen gaben häufiger an:
- Depressionen (17 % gegenüber 9 % bei Männern)
- Bewegungsmangel (48 % gegenüber 42 %)
- Schlafstörungen (45 % gegenüber 40 %)
Die Frauen in der Studie wiesen zudem ein etwas niedrigeres durchschnittliches Bildungsniveau auf, was als Risikofaktor für einen späteren kognitiven Rückgang gilt. Bei den Männern waren folgende Werte höher: Bluthochdruck war in beiden Gruppen weit verbreitet und betraf etwa sechs von zehn Teilnehmern. Der durchschnittliche Body-Mass-Index lag bei beiden Geschlechtern im Bereich von Übergewicht bis Adipositas.
- Hörverlust (64 % gegenüber 50 % bei Frauen)
- Diabetes (24 % gegenüber 21 %)
- Starker Alkoholkonsum (22 % gegenüber 12 %)
Einige Risikofaktoren hatten bei Frauen stärkere Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten
Die Forscher fanden heraus, dass mehrere Risikofaktoren bei Frauen stärker mit einer schlechteren kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden waren als bei Männern. Erkrankungen im Zusammenhang mit der Herz- und Stoffwechselgesundheit, darunter Bluthochdruck und ein erhöhter Body-Mass-Index zeigten bei Frauen einen stärkeren negativen Zusammenhang mit der kognitiven Leistungsfähigkeit. Hörverlust und Diabetes waren, obwohl sie bei Männern häufiger vorkommen, ebenfalls mit niedrigeren kognitiven Werten bei Frauen verbunden.

Forschende vermuten dafür mehrere Ursachen. Eine wichtige Rolle spielen hormonelle Veränderungen nach den Wechseljahren. Östrogen schützt normalerweise Blutgefäße, Nervenzellen und die Durchblutung des Gehirns. Mit der Menopause sinkt dieser Schutz deutlich ab, wodurch Bluthochdruck, Gefäßschäden und Stoffwechselprobleme stärkere Auswirkungen auf empfindliche Hirnregionen haben könnten. Dadurch steigt möglicherweise die Anfälligkeit für Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen.
Auch Diabetes scheint Frauen stärker zu schaden. Erhöhte Blutzuckerwerte fördern Entzündungen, schädigen kleine Blutgefäße im Gehirn und beeinträchtigen die Energieversorgung der Nervenzellen. Studien deuten darauf hin, dass Frauen empfindlicher auf diese Stoffwechselveränderungen reagieren könnten als Männer. Zusätzlich wird vermutet, dass hormonelle Unterschiede und entzündliche Prozesse den Krankheitsverlauf verstärken. Ein weiterer auffälliger Faktor ist Hörverlust. Obwohl Männer häufiger betroffen sind, zeigen Frauen mit Hörproblemen oft stärkere kognitive Einschränkungen. Experten vermuten, dass soziale Isolation, Kommunikationsstress und emotionale Belastungen dabei eine wichtige Rolle spielen. Da soziale Interaktion eng mit geistiger Aktivität verbunden ist, könnten Einschränkungen im Hören das Demenzrisiko indirekt erhöhen.
Hinzu kommt, dass Alzheimer bei Frauen teilweise anders verläuft. Frauen können frühe Symptome oft länger ausgleichen, etwa durch bessere sprachliche Fähigkeiten oder eine höhere sogenannte kognitive Reserve. Dadurch bleibt die Erkrankung häufig länger unbemerkt und wird oft erst diagnostiziert, wenn bereits größere Veränderungen im Gehirn vorliegen. Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass Demenz nicht bei allen Menschen gleich entsteht. Dieselben Risikofaktoren können Frauen deutlich stärker beeinflussen als Männer. Deshalb fordern Wissenschaftler zunehmend geschlechtsspezifische Forschung sowie individuellere Präventions- und Behandlungsstrategien. Besonders wichtig für Frauen gelten eine gute Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker, ausreichend Bewegung, soziale Aktivität und eine frühe medizinische Vorsorge. „Diese Unterschiede unterstreichen, wie wichtig es ist, das Geschlecht als Schlüsselvariable in der Demenzforschung zu berücksichtigen“, sagte Pa. „Geschlechtsspezifische Unterschiede werden bei vielen der häufigsten Todesursachen wie Alzheimer, Herzerkrankungen und Krebs stark vernachlässigt.“



