Wenn der Blutdruck in der Lebensmitte steigt, werden häufig die Wechseljahre, Stress oder eine veränderte Lebensweise als mögliche Ursachen vermutet. Doch manchmal steckt eine behandelbare Erkrankung der Nebennieren dahinter. Eine neue Studie zeigt, warum herkömmliche Bluttests diese hormonelle Störung möglicherweise übersehen – und weshalb nächtliche Hormonveränderungen wichtige Hinweise liefern könnten.
Warum der Blutdruck rund um die Menopause häufiger zum Thema wird
Mit zunehmendem Alter steigt bei vielen Menschen das Risiko für Bluthochdruck. Viele Frauen bemerken während der Perimenopause und nach der Menopause Veränderungen, die sie zuvor kaum kannten: Der Blutdruck steigt, der Schlaf wird unruhiger, das Herz klopft gelegentlich stärker oder die körperliche Belastbarkeit verändert sich. Auch jüngere Frauen können betroffen sein, denn einige Forschungen assoziieren eine frühe Menopause vor dem 45. Lebensjahr mit einem erhöhten Bluthochdruckrisiko.
Solche Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb ist es wichtig, nicht jede Veränderung automatisch den Wechseljahren zuzuschreiben. Insbesondere neu auftretender oder zunehmend schwer einstellbarer Bluthochdruck sollte medizinisch abgeklärt werden. Neben den altersbedingten Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems können auch Erkrankungen dahinterstecken, die bislang nicht erkannt wurden.
Eine im Fachjournal Science Translational Medicine veröffentlichte Studie lenkt die Aufmerksamkeit auf eine solche Ursache: den primären Aldosteronismus. Dabei handelt es sich um eine hormonelle Erkrankung der Nebennieren, bei der zu viel Aldosteron produziert wird. Die Besonderheit: Die krankhafte Hormonaktivität kann im Tagesverlauf schwanken und gerade nachts deutlich hervortreten. Bei Frauen verändert sich sehr viel rund um die Menopause. Während der Wechseljahre nimmt die Produktion von Östrogen in den Eierstöcken deutlich ab. Dieser hormonelle Übergang geht mit Veränderungen verschiedener Körperfunktionen einher. Dazu gehören auch Prozesse, die für die Gesundheit der Blutgefäße und den Stoffwechsel wichtig sind.
Östrogen beeinflusst unter anderem die Funktion der Gefäßinnenwand und verschiedene Mechanismen, die an der Regulation des Gefäßtonus beteiligt sind. Nach der Menopause können sich die Gefäßfunktion und die Elastizität der Arterien verändern. Gleichzeitig nehmen bei vielen Frauen Faktoren wie eine ungünstigere Fettverteilung, Insulinresistenz oder Gewichtszunahme an Bedeutung zu. Auch Schlafprobleme, Bewegungsmangel und eine familiäre Veranlagung können den Blutdruck beeinflussen. Die einzelnen Faktoren wirken häufig zusammen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Östrogenabfall allein für einen steigenden Blutdruck verantwortlich ist. Bluthochdruck entsteht meist durch ein Zusammenspiel verschiedener Einflüsse. Zudem kann er lange Zeit unbemerkt bleiben, weil er häufig keine eindeutigen Beschwerden verursacht. Gerade deshalb ist es sinnvoll, den Blutdruck während der Lebensmitte regelmäßig zu kontrollieren und anhaltende Veränderungen ärztlich abklären zu lassen.
Wenn nicht die Wechseljahre, sondern die Nebennieren beteiligt sind
Neben den bekannten Einflüssen von Alter und Menopause gibt es hormonelle Erkrankungen, die den Blutdruck unmittelbar beeinflussen können. Eine davon ist der primäre Aldosteronismus. Aldosteron wird in der Nebennierenrinde gebildet. Das Hormon sorgt dafür, dass die Nieren Natrium und Wasser zurückhalten und Kalium vermehrt ausscheiden. Dadurch beeinflusst es das Flüssigkeitsvolumen im Kreislauf und trägt zur Regulierung des Blutdrucks bei. Wird dauerhaft zu viel Aldosteron produziert, kann der Körper zu viel Natrium und Wasser zurückhalten. Das Blutvolumen nimmt zu und der Blutdruck steigt. Gleichzeitig kann der Kaliumspiegel im Blut sinken, was bei ausgeprägten Fällen weitere Beschwerden verursachen kann.
Die Erkrankung kann unterschiedliche Ursachen haben. Manchmal produziert eine einzelne Nebenniere übermäßig viel Aldosteron, beispielsweise aufgrund eines gutartigen hormonproduzierenden Knotens. In anderen Fällen sind beide Nebennieren beteiligt. Das Tückische daran: Ein primärer Aldosteronismus muss nicht zwangsläufig mit einem auffällig niedrigen Kaliumwert einhergehen. Ein normaler Kaliumspiegel schließt die Erkrankung daher nicht aus.
Nach Angaben der Endocrine Society betrifft primärer Aldosteronismus schätzungsweise fünf bis 14 Prozent der Menschen mit Bluthochdruck in der hausärztlichen Versorgung. In spezialisierten Einrichtungen können die Anteile noch höher liegen. Die Erkrankung gilt als häufige, aber vielfach nicht erkannte Ursache eines sekundären Bluthochdrucks. Für Frauen in der Lebensmitte ist das ein wichtiger Hinweis: Auch wenn der Blutdruckanstieg zeitlich mit den Wechseljahren zusammenfällt, sollte bei entsprechenden Hinweisen geprüft werden, ob eine zusätzliche oder alternative Ursache vorliegt.
Was die neue Studie über nächtliche Hormonschübe zeigt
Ein internationales Forschungsteam aus Großbritannien, Norwegen, Schweden und Griechenland untersuchte, wie sich die Aktivität bestimmter Hormone bei Menschen mit primärem Aldosteronismus über einen ganzen Tag und eine Nacht verändert. Die Ergebnisse wurden in Science Translational Medicine veröffentlicht. Die Untersuchung umfasste 60 Patienten, deren Hormonaktivität über einen Zeitraum von 24 Stunden erfasst wurde.
Zum Einsatz kam eine tragbare Technologie namens U-RHYTHM. Das leichte Gerät wird am Körper getragen und ermöglicht wiederholte Probenentnahmen über die Haut. Auf diese Weise konnten die Teilnehmer ihren normalen Alltag fortsetzen, anstatt für die Messungen dauerhaft in einer Klinik bleiben zu müssen. Die Hormonwerte wurden alle 20 Minuten erfasst. Neben Aldosteron untersuchten die Wissenschaftler zwei verwandte Steroidhormone, 18-Hydroxycortisol und 18-Oxocortisol. Durch die engmaschigen Messungen konnten die Forscher Veränderungen beobachten, die bei einer einzelnen Blutprobe kaum sichtbar geworden wären.
Warum eine einzelne Blutuntersuchung nicht immer ausreicht
Die Untersuchung zeigte, dass die Aldosteronproduktion bei den Betroffenen nicht einfach durchgehend erhöht war. Stattdessen traten wiederkehrende Ausschüttungsspitzen auf, die besonders während der Nacht und in den frühen Morgenstunden auffielen. Das ist für die Diagnostik bedeutsam. Wird ein Hormon zu einem Zeitpunkt gemessen, an dem seine Konzentration gerade niedriger ist, kann das Ergebnis weniger auffällig erscheinen als zu einem anderen Zeitpunkt. Selbst bei einigen Patienten mit ausgeprägter Erkrankung lagen die Werte zeitweise unter Schwellen, die üblicherweise zur diagnostischen Beurteilung herangezogen werden.
Die Ergebnisse legen deshalb nahe, dass nicht nur die absolute Höhe eines Hormonwertes wichtig ist. Auch der zeitliche Verlauf der Hormonproduktion kann entscheidende Informationen liefern. Die Forscher beschreiben damit einen möglichen Grund, weshalb der primäre Aldosteronismus bei manchen Menschen bislang unerkannt bleibt: Die hormonelle Fehlregulation zeigt sich nicht unbedingt in jeder einzelnen Messung gleich deutlich.
Was das für Frauen in den Wechseljahren bedeuten könnte
Die Studie wurde nicht speziell an Frauen in der Perimenopause oder nach der Menopause durchgeführt. Ihre Ergebnisse lassen sich daher nicht unmittelbar als Nachweis für einen besonderen Zusammenhang zwischen Wechseljahren und primärem Aldosteronismus interpretieren. Trotzdem ist das Thema für diese Lebensphase relevant. Bluthochdruck wird mit zunehmendem Alter häufiger. Gleichzeitig können Frauen während der Wechseljahre verschiedene körperliche Veränderungen erleben, die es schwieriger machen, die Ursache neuer Beschwerden eindeutig zuzuordnen.
Herzklopfen, Schlafstörungen oder innere Unruhe können beispielsweise im Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen auftreten. Sie sind jedoch unspezifisch und erlauben für sich genommen keine Aussage darüber, ob eine Frau an Bluthochdruck oder einer Erkrankung der Nebennieren leidet. Auch ein primärer Aldosteronismus lässt sich nicht anhand einzelner Symptome zuverlässig erkennen. Häufig fällt er erst auf, wenn wiederholt erhöhte Blutdruckwerte gemessen werden oder der Blutdruck trotz mehrerer Medikamente nicht ausreichend sinkt.
Gerade bei Frauen, deren Blutdruck in der Lebensmitte neu ansteigt oder sich zunehmend schwieriger einstellen lässt, ist deshalb eine sorgfältige medizinische Beurteilung sinnvoll. Dabei sollten die Wechseljahre als möglicher Einflussfaktor berücksichtigt werden, ohne andere Ursachen vorschnell auszuschließen.
Welche Anzeichen auf eine hormonelle Ursache hinweisen können
Primärer Aldosteronismus verursacht nicht immer klar erkennbare Beschwerden. Viele Betroffene bemerken zunächst lediglich einen erhöhten Blutdruck. Bestimmte Befunde können jedoch Anlass geben, gezielt nach einer hormonellen Ursache zu suchen:
- Bluthochdruck, der sich nur schwer einstellen lässt: Trotz mehrerer blutdrucksenkender Medikamente bleiben die Werte erhöht.
- Ausgeprägter Bluthochdruck: Besonders hohe Werte können eine weiterführende Abklärung rechtfertigen.
- Niedriger Kaliumspiegel: Ein erniedrigter Kaliumwert kann ein Hinweis sein, allerdings haben viele Betroffene normale Werte.
- Eine auffällige Nebenniere: Wird bei einer Bildgebung zufällig eine Veränderung der Nebenniere entdeckt, kann eine hormonelle Untersuchung sinnvoll sein.
- Bluthochdruck in Verbindung mit bestimmten Begleiterkrankungen oder einer entsprechenden Familiengeschichte: Auch solche Konstellationen können für die ärztliche Einschätzung relevant sein.
Diese Hinweise bedeuten nicht automatisch, dass ein primärer Aldosteronismus vorliegt. Sie können aber dafür sprechen, die Ursache des Bluthochdrucks genauer zu untersuchen. Die 2025 aktualisierte Leitlinie der Endocrine Society empfiehlt, bei Menschen mit Bluthochdruck grundsätzlich ein Screening auf primären Aldosteronismus in Betracht zu ziehen. Die Umsetzung hängt unter anderem von der klinischen Situation und den verfügbaren diagnostischen Möglichkeiten ab.
Wie wird primärer Aldosteronismus bisher festgestellt?
Die derzeitige Erstuntersuchung beruht in der Regel auf Bluttests. Dabei werden die Aldosteronkonzentration und das Renin bestimmt, ein Hormon beziehungsweise Enzym, das an der Regulation des Blutdrucks beteiligt ist. Aus beiden Werten wird das Aldosteron-Renin-Verhältnis berechnet. Zusätzlich kann der Kaliumspiegel untersucht werden. Abhängig von den Ergebnissen und der klinischen Situation sind weitere Tests erforderlich, um die Diagnose zu bestätigen und die Ursache genauer einzugrenzen.
Wird ein primärer Aldosteronismus festgestellt, muss anschließend geklärt werden, ob eine oder beide Nebennieren für die übermäßige Hormonproduktion verantwortlich sind. Hierfür können unter anderem bildgebende Untersuchungen und spezielle Verfahren zur Beurteilung der Hormonproduktion aus den Nebennieren zum Einsatz kommen.
Die genaue Zuordnung ist wichtig, weil sie die Wahl der Behandlung beeinflusst. Die neue Studie stellt diese etablierten Verfahren nicht infrage, zeigt aber, dass zusätzliche Informationen über den zeitlichen Verlauf der Hormonproduktion künftig hilfreich sein könnten.
Kann die neue Messtechnik die Diagnose verbessern?
Die kontinuierliche Überwachung eröffnet die Möglichkeit, hormonelle Veränderungen unter realistischen Alltagsbedingungen genauer zu erfassen. Besonders die Nacht rückt dabei in den Mittelpunkt, weil die Probenentnahme zu dieser Zeit im normalen klinischen Alltag vergleichsweise selten erfolgt.
Die Forscher konnten zeigen, dass die auffälligen Hormonmuster bei Patienten mit einer einseitigen Erkrankung nach operativer Entfernung der betroffenen Nebenniere verschwanden. Das unterstützt die Annahme, dass diese Muster unmittelbar mit der Erkrankung zusammenhängen. Allerdings handelte es sich um eine sogenannte Proof-of-Concept-Studie. Sie sollte vor allem zeigen, dass die kontinuierliche Messung technisch durchführbar ist und zusätzliche Informationen liefern kann.
Noch ist nicht geklärt, wie zuverlässig die Methode bei größeren und vielfältigeren Patientengruppen funktioniert, welche diagnostischen Grenzwerte sich daraus ableiten lassen und ob sie die bisherigen Untersuchungen tatsächlich verbessern kann. Die Technologie ist daher noch nicht als allgemein etablierter Ersatz für die herkömmliche Diagnostik anzusehen. Weitere Studien müssen ihren Nutzen für den klinischen Alltag bestätigen.
Warum eine rechtzeitige Diagnose so wichtig ist
Primärer Aldosteronismus ist nicht nur wegen des erhöhten Blutdrucks relevant. Die Erkrankung kann auch unabhängig von der Höhe des Blutdrucks mit zusätzlichen Risiken für Herz und Nieren verbunden sein. Studien zeigen, dass Betroffene im Vergleich zu Menschen mit gewöhnlichem Bluthochdruck ein erhöhtes Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Komplikationen haben. Dazu gehören unter anderem Vorhofflimmern, Schlaganfälle und Herzschwäche.
Wird die hormonelle Ursache erkannt, kann gezielter behandelt werden. Bei einer einseitigen Überproduktion kommt unter geeigneten Voraussetzungen eine operative Entfernung der betroffenen Nebenniere infrage. Bei einer beidseitigen Erkrankung oder wenn eine Operation nicht geeignet ist, können Medikamente eingesetzt werden, die die Wirkung von Aldosteron blockieren. Eine frühzeitige Erkennung kann damit helfen, die Blutdruckkontrolle zu verbessern und gesundheitliche Folgeschäden zu vermeiden.
Für Frauen in und nach den Wechseljahren ist das besonders relevant, weil sich verschiedene Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Laufe der Lebensmitte verändern können. Ein erhöhter Blutdruck sollte deshalb nicht als unvermeidlicher Bestandteil des Älterwerdens hingenommen werden.
Bluthochdruck in der Lebensmitte verdient eine genaue Abklärung
Ein steigender Blutdruck während der Wechseljahre kann mit altersbedingten Gefäßveränderungen, hormonellen Umstellungen und weiteren Risikofaktoren zusammenhängen. Manchmal steckt jedoch eine spezifische Erkrankung dahinter, die gezielt behandelt werden kann. Die neue Studie zum primären Aldosteronismus zeigt, dass krankhafte Hormonveränderungen nicht unbedingt zu jedem Zeitpunkt gleich deutlich ausfallen. Wiederkehrende nächtliche Ausschüttungsspitzen könnten zusätzliche Hinweise liefern, wenn herkömmliche Messungen kein eindeutiges Bild ergeben.
Ob tragbare Geräte zur kontinuierlichen Hormonmessung künftig in der medizinischen Diagnostik eingesetzt werden, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Schon heute gilt jedoch: Neu auftretender, ausgeprägter oder schwer einstellbarer Bluthochdruck sollte ärztlich abgeklärt werden – auch dann, wenn die Beschwerden zeitlich mit den Wechseljahren zusammenfallen.
Denn nicht jede Veränderung in der Lebensmitte ist allein auf die Menopause zurückzuführen. Die richtige Diagnose kann entscheidend sein, um eine passende Behandlung zu ermöglichen und die Herz-Kreislauf-Gesundheit langfristig zu schützen.

